Darum sind flexible Arbeitsplätze ein Konzept aus der Hölle

Flache Hierarchien, Innovation, Synergien? Alles Quatsch. Das einzige, was flexible Arbeitsplätze zuverlässig bringen, ist schlechte Stimmung.

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Im Grünen arbeiten kann schön sein, aber ein fester Arbeitsplatz nur für dich ist noch schöner. Foto: Jopwell / Pexels | CC0

Morgens, halb zehn, in Deutschland. Egal, ob in einem klassischen Büro oder in einem Co-Working-Space: An Orten mit flexiblen Arbeitsplätzen tobt die Erwachsenen-Version von Reise nach Jerusalem. Bloß ohne Spaß und ohne Musik. Anders gesagt: Wer nicht schnell genug ist, muss den ganzen Tag neben der Klotür sitzen.

Das ist nicht nur akustisch und olfaktorisch unangenehm – das sorgt auch für richtig schlechte Laune. Und für Groll gegen die Kolleg*innen, die sich durch frühzeitiges Erscheinen Premiumplätze gesichert haben. Am nächsten Tag geht der ganze Stress dann wieder von vorne los.

Eine Untersuchung der Forschungsabteilung des internationalen Architektur- und Designbüros Gensler in Großbritannien hat ergeben, dass sich 40 Prozent der Angestellten mit flexiblen Arbeitsplätzen nach festen Schreibtischen sehnen. Und eine ähnliche Untersuchung in Deutschland hat gezeigt, dass auch deutsche Angestellte in Sachen Arbeitsumgebung eine relativ niedrige Zufriedenheitsrate an den Tag legen. „Im persönlichen Arbeitsbereich benötigen Mitarbeiter minimale Geräuschpegel und einen gewissen Grad an Personalisierung“, heißt es in dem Bericht.

Wenn dem so ist, warum zum Teufel machen etliche Unternehmen dann das mit den flexiblen Arbeitsplätzen überhaupt?

Flexible Arbeitsplätze sparen Geld, aber…

„Es geht natürlich vor allem um Kostenersparnis“, sagt Jobexpertin Petra Barsch. „Aber auch darum, das Netzwerken und den Austausch im Unternehmen zu ermöglichen und eine innovative Atmosphäre zu schaffen.“

Klar, wenn zum Beispiel nicht alle Angestellten immer gleichzeitig im Büro sind, weil sie teilweise im Homeoffice oder in Teilzeit arbeiten, viel auf Außenterminen unterwegs sind oder Urlaub haben, dann sparen sich Unternehmen zeitweise leere Schreibtische und damit Kosten.

Doch das mit der Innovation funktioniert mit flexiblen Arbeitsplätzen allerdings nicht ganz so wie gewünscht. Und wenn man mal zwei Minuten drüber nachdenkt, wird auch deutlich, woran das liegen könnte.

Mehr Innovation? Haha.

Flexible Arbeitsplätze bedeuten: Wer zuerst kommt, sitzt am Besten. Natürlich gibt es da Hierarchien, es sind eben nicht alle Arbeitsplätze gleich – das weiß jede*r, der*die schon mal einen Tag neben dem Drucker- oder Raucher*innenraum, im Durchzug, direkt unter der Klimaanlage oder neben der Tür verbringen musste. Flexible Arbeitsplätze führen daher zu täglichem Konkurrenz- und Verteilungskampf. Das mag zwar auf absurde Weise dem Zeitgeist entsprechen – Innovation jedoch basiert vor allem auf Zusammenarbeit.

Außerdem bedeuten flexible Arbeitsplätze permanente Unsicherheit. Das stresst und bindet mentale Ressourcen, die zum Beispiel für Innovation nötig wären. Von echter Produktivität mal ganz zu schweigen: „Wer kein festes Umfeld und jeden Tag neue Gesichter um sich herum hat, wer keine Möglichkeit für private Gestaltung mit Pflanzen oder Bildern hat, wer oft einen schlechten Platz erwischt – der kann sich kaum konzentrieren“, sagt Petra Barsch. Wer sich nicht wohlfühlt, bringt auch keine bahnbrechenden Ideen zustande.

Zu dem Ergebnis kommt auch die Gensler-Untersuchung: „Die Qualität und Konfiguration des Arbeitsplatzes wirkt sich direkt auf die Leistung und die Innovation im Unternehmen aus“, heißt es in dem Bericht. Deutsche Angestellte bilden laut Report das Schlusslicht in Sachen Wohlbefinden, obwohl sie es als Priorität einstufen. Und: „Die durchschnittliche Innovationsindex-Bewertung der deutschen Arbeitnehmer ist die niedrigste von allen untersuchten Weltregionen.“

Da ist doch noch ordentlich Luft nach oben, oder?

Glühender Hass, so unnötig

Nicht zu vergessen die lästige Randerscheinung von absolut vermeidbaren Konflikten unter Kolleg*innen. Wenn jede*r seinen*ihren eigenen Schreibtisch hat, ist es mehr oder minder wumpe, ob sich darauf die pelzbehangenen Kaffeebecher, Magazine und Post-its stapeln.

Wenn allerdings morgens erstmal zehn Minuten lang Grundreinigung inklusive umfassender Desinfektion erfolgen muss, weil Kolleg*in X seinen*ihren inneren Messie nicht im Griff hat – da wachsen nicht nur Schimmelpilze, da blüht unter Umständen glühender Hass. Und das muss wirklich nicht sein.

Nur einer der Gründe, warum feste Schreibtische eine gute Idee sind. Angestellte brauchen eben ein Stück weit ihren eigenen Raum und gewisse Strukturen, um sich zu verankern, zu orientieren und wohlzufühlen. Und um vernünftig arbeiten zu können.

Bessere Arbeitsplätze – so geht’s

Moderne Unternehmen bieten ihren Angestellten deshalb Mischungen an und beziehen sie laut Petra Barsch zumindest teilweise in die Arbeitsplatzgestaltung ein. „Räume individueller gestalten, Rückzugsmöglichkeiten einplanen für Konzentrationsarbeit, andere für Meetings“, schlägt die Expertin vor. Eine mögliche Zwischenlösung wären beispielsweise zeitweise Reservierungsmöglichkeiten für Plätze.

All das lohnt sich nämlich auch fürs Unternehmen: „Es drückt nicht nur Wertschätzung aus. Die Arbeitsleistung steigt bei einem höheren Wohlfühlfaktor, krankheitsbedingte Ausfälle sinken“, so Barsch.

Zu einem ganz ähnlichen Schluss kommt auch der Gensler-Bericht: „Mitarbeiter in ausgewogenen Arbeitsumfeldern übertreffen ihre Kollegen in unausgewogenen Umgebungen in allen wichtigen Bereichen – einschließlich der Erfahrung, Zufriedenheit und Innovation.“ Tja, tschö dann, flexible Arbeitsplätze!

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