Diese Frau untersucht, welche Rassismuserfahrungen Kinder in der Schule machen

Aylin Karabulut ist Ungleichheitsforscherin und hat in ihrer Masterarbeit zu Rassismuserfahrungen an deutschen Schulen geforscht. Im Interview erzählt sie, warum Schüler*innen of Color institutionell degradiert und benachteiligt werden.

Aylin Karabulut ausgezeichnete Forscherin

Aylin Karabulut schrieb eine Masterarbeit über Rassismuserfahrung in der Schule, die mit dem Augsburger Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde. Foto: © André Hirtz

Unter dem Hashtag #Metwo teilten im letzten Jahr People of Color ihre Rassismuserfahrungen in Deutschland. Auffällig war dabei, dass viele sich im Laufe ihrer Schulzeit mit Rassismus konfrontiert sahen, von Mitschüler*innen ausgehend, aber auch vom Lehrpersonal und anderen Autoritätspersonen.

Aylin Karabulut forscht zu diesem Thema. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und hat kürzlich ihre Masterarbeit zu Rassismuserfahrungen von Schüler*innen of Color an deutschen Schulen veröffentlicht. Für ihre Arbeit erhielt sie den Förderpreis des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2019.

Im Gespräch erzählt die Wissenschaftlerin von den Erfahrungen, die Schüler*innen of Color im Zuge ihrer Befragungen mit ihr geteilt haben. Außerdem spricht sie über ihren eigenen Werdegang im Universitätsbetrieb und erklärt, warum Deutschland dringend eine Bildungsrevolution braucht.

Aylin, du hast deine Masterarbeit zum Thema Rassismuserfahrungen von Schüler*innen mit sogenanntem Migrationshintergrund geschrieben. Wie kamst du dazu, zu diesem Thema zu forschen?

Aylin Karabulut: Ich habe mich schon sehr früh für die ungleiche Verteilung von Bildungschancen interessiert. Deutschland hat ein Bildungssystem, das sehr früh und sehr stark selektiert. Dies führt unter anderem dazu, dass bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem institutionell manifestiert und immer wieder reproduziert werden. Die Forschung zu Bildungsungleichheit ist in Deutschland besonders auf den sozioökonomischen Aspekt konzentriert.

Inwiefern?

Während es eine Vielzahl von Forschung zu den Auswirkungen von Klassismus gibt, also die Benachteiligung von Schüler*innen mit geringen soziökonomischen Ressourcen, ist die Forschung zu institutionellem Rassismus im deutschen Bildungssystem bisher stark unterrepräsentiert. Wir wissen in Deutschland schon seit geraumer Zeit, dass strukturelle Barrieren und Hürden für Schüler*innen in schulischen Bildungsinstitutionen existieren, die als Migrationsandere gelabelt werden. Sie besuchen beispielsweise deutlich seltener ein Gymnasium und werden auf Grundlage derselben Leistungen schlechter bewertet. Institutioneller Rassismus, ganz besonders im schulischen Kontext, ist in Deutschland jedoch kaum systematisch erforscht. Es gibt einige Wissenschaftler*innen, die diese Forschungstradition in Deutschland mühsam etabliert haben und sehr wichtige Arbeit für die erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung geleistet haben. Gleichzeitig gibt es kaum Strukturen und Forschungszentren, die sich auf diese Frage fokussieren.

Bei meiner Forschung habe ich die Perspektiven und Erfahrungen der betroffenen Schüler*innen als besonders wenig berücksichtigt wahrgenommen. Das hat mich irritiert und gleichzeitig sehr interessiert. Ich wollte meinen Beitrag dazu leisten, diese Forschungslücke zu schließen. Deshalb habe ich die Rassismuserfahrungen der Schüler*innen ins Zentrum meiner Forschung gesetzt.

Wie bist du bei der Forschung vorgegangen?

Ich bin in meiner Masterarbeit qualitativ und explorativ vorgegangen. Dafür habe ich acht Gruppendiskussionen mit fünf bis sechs Schüler*innen aus unterschiedlichen Schulformen, Standorttypen und Städten durchgeführt. Ich habe die Schüler*innen in den Gruppendiskussionen zunächst sehr offen nach ihren schulischen Erfahrungen gefragt, um ihnen möglichst viel Raum für ihre Themen zu geben, habe sie miteinander diskutieren lassen und vereinzelt Nachfragen gestellt. Im Anschluss habe ich die Gruppendiskussionen transkribiert und mit einer spezifischen Auswertungsmethode kontrastierend rekonstruiert.

Was für Erfahrungen haben die Schüler*innen mit dir geteilt?

Die Schüler*innen in meinen Gruppendiskussionen waren sehr offen und haben ihre Erfahrungen, die häufig mit Verletzungen und Kränkungen verbunden waren, mit mir und ihren Mitschüler*innen geteilt. Sie haben von schulischen sowie auch außerschulischen Rassismuserfahrungen erzählt, die allesamt unheimlich schmerzhaft für sie waren und in vielen Teilen immer noch sind. Die Besonderheit an den schulischen Rassismuserfahrungen ist, dass sie biografisch sehr einschneidend sind, da formelle Bildungsabschlüsse über den weiteren Werdegang von jungen Menschen entscheiden.

Die Schüler*innen berichteten zum Beispiel von Situationen, in denen sie durch vereinheitlichende Bezugnahmen auf ihre als fremd und anders konstruierte Herkunft Benachteiligungen erfahren haben. Eine Schülerin erzählte beispielsweise von einer Situation, in der ihr Lehrer ihre Rechtschreibfehler unverhältnismäßig problematisierte und sie mit den Worten „Bei dir merkt man auch, dass du keine Deutsche bist!“ vor der gesamten Klasse als defizitär und nicht zugehörig markierte. Ein Schwarzer Schüler sprach davon, dass medial reproduzierte negative Stereotype von Schwarzen Menschen auf ihn projiziert würden, während seine muslimische Mitschülerin darauf verwies, dass sie aufgrund ihres Muslimischseins mit dem IS gleichgesetzt werde. Gleich ist all diesen schmerzhaften Erfahrungen: Schüler*innen, die von institutionellem Rassismus betroffen sind, werden in einer staatlichen Institution degradiert und benachteiligt, die sie schützen und unterstützen sollte. Stattdessen zeigte meine Forschung, dass sie nicht als individuelle Subjekte behandelt werden, sondern als defizitäre Objekte.

Gab es Ergebnisse, die dich überrascht haben?

Ehrlich gesagt haben mich die Ergebnisse kaum überrascht. Durch die existierenden Forschungsarbeiten in dem Bereich habe ich bereits einen tiefen Einblick in die Auswirkungen von institutionellem Rassismus im Bildungssystem erhalten. Der institutionelle Rassismus, von denen mir die Schüler*innen berichtet haben, war für mich als Wissenschaftlerin nicht überraschend – aber trotzdem sehr enttäuschend. Überrascht hat mich viel mehr, dass nach den Gruppendiskussionen viele Schüler*innen auf mich zugekommen sind und sich bei mir bedankt haben. Viele von ihnen haben sich zum ersten Mal mit ihren Erfahrungen vollständig angenommen, gesehen und gehört gefühlt. Es gibt keine Strukturen und keine Räume, in denen Schüler*innen ihre Rassismuserfahrungen verarbeiten und heilen können.

Letztes Jahr veröffentlichten People of Color unter dem Hashtag Metwo Beiträge zu ihren Rassismuserfahrungen in Deutschland. Hierbei zeigte sich, dass Rassismus an Schulen oftmals vom Lehrpersonal ausgeht. Kannst du das durch deine Forschung bestätigen?

In meiner Arbeit weise ich immer wieder darauf hin: Rassismus ist ein strukturelles Phänomen, das auch institutionell verankert ist. Dass Rassismus institutionalisiert im Bildungssystem existiert, erscheint daher nur logisch, da wir in unserer Gesellschaft strukturellen Rassismus vorfinden und Schule einen Teil von Gesellschaft darstellt. In meiner Arbeit frage ich daher nach der institutionellen Dimension von Rassismus an Schulen und richte meinen Fokus auf die (Re-)Produktion struktureller Ungleichheiten, anstatt nur auf die Gruppe der Lehrer*innen. Gleichzeitig wird deutlich, dass Lehrer*innen in der Ausbildung sich kaum mit Diskriminierungskritik und den eigenen Privilegien auseinandersetzen.

Menschen in unserer Gesellschaft handeln häufig rassistisch, ohne tatsächlich intentional rassistisch handeln zu wollen. Das trifft auf alle Teile der Gesellschaft zu und wird durch die starke Macht der Lehrer*innen hinsichtlich der Notenvergabe zusätzlich verschärft. Diese Schieflage wird durch das Bildungssystem begünstigt: Es manifestiert gesellschaftliche Ungleichheiten, anstatt sie abzubauen, sodass Schüler*innen mit Rassismuserfahrungen starke Benachteiligungen erfahren.

Haben die Schüler*innen überhaupt eine Möglichkeit sich dagegen zu wehren?

Die Artikulation von erlebtem Rassismus innerhalb eines rassistisch organisierten Systems ist unglaublich schwierig. In der Schule kommt die Abhängigkeitskomponente erschwerend hinzu. Durch die Notenvergabe können Lehrer*innen nachhaltig biografisch einschneidende Auswirkungen auf den Lebenslauf von jungen Menschen ausüben. In meiner Forschung wurde deutlich, dass die Schüler*innen in einer stark deprivilegierten Position sind, wenn sie Rassismus ansprechen, den sie von Lehrer*innen erfahren. Wenn wir institutionellen Rassismus überwinden wollen, brauchen wir eine Vielzahl von strukturellen Maßnahmen und insbesondere unabhängige Antidiskriminierungsstellen für Schulen in allen Bundesländern. Diese Stellen müssen mit einem diskriminierungskritisch geschulten, multiprofessionellen Team und ausreichend Ressourcen ausgestattet werden sowie den nötigen Rückhalt aus der Politik und den Bildungsinstitutionen erhalten, um wirkungsvoll arbeiten zu können. Es sollte im Interesse aller Beteiligten sein, ein rassismuskritisches Bildungssystem zu schaffen.

Was macht das mit den Schüler*innnen, wenn Autoritätspersonen, wie Lehrer*innen, sie immer wieder othern?

Unter Othering verstehen wir in der Rassismusforschung das „Fremd-“ bzw. „Anders“machen von Menschen, die nicht weiß sind und aufgrunddessen als nicht zugehörig gesehen werden. Das Othering durch Lehrpersonen ist für die Schüler*innen sehr frustrierend und schmerzhaft. Die Lehrperson ist im Klassenraum eine Autorität. Wenn sie eine lernende Person als nicht-deutsch und somit als nicht zugehörig konstruiert, ist diese Zuschreibung sehr wirkmächtig. So werden Schüler*innen of Color durch eine Autoritätsperson im Klassenraum immer wieder zu Fremden gemacht – und das, obwohl alle von ihnen in Deutschland leben und als gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen werden sollten. Wenn wir jungen Menschen of Color immer wieder das Gefühl geben, dass sie nicht zugehörig sind, sondern fremd und defizitär, untergraben wir ihre Würde.

Deutschland ist ein Einwanderungsland; eine postmigrantische Gesellschaft. Das ist ein Fakt, über den wir nicht mehr diskutieren sollten. Vielmehr wünsche ich mir, dass wir unsere Kräfte dafür nutzen, diesen jungen Menschen Rückhalt zu geben, sie zu unterstützen und ihnen ein Aufwachsen ohne Rassismus zu ermöglichen – denn sie sind die Zukunft dieses Landes.

Im Interview mit Deutschlandfunk Nova sagst du: „Rassismus ist häufig nicht intentional, aber institutionell verankert.“ Kannst du das näher erklären?

Im Diskurs über Rassismus wird dieser oftmals als etwas dargestellt, das nur gesellschaftlich (rechts-)extreme Personen betrifft, die als unmoralische und randständige Menschen gelten. Rassismus widerspricht dem individuellen und dem kollektiven positiven Selbstverständnis und wird daher zurückgewiesen. Das Verständnis von Rassismus als unmoralisches Handeln führt zu Abwehr und zu einer Dethematisierung von Rassismus, die seinen Effekt weiter verstärkt. Wir müssen vielmehr diskutieren: Rassismus ist eine gesellschaftliche Struktur, die alle Menschen unserer Gesellschaft – je nach ihrer Positionierung unterschiedlich – betrifft. Das bedeutet, dass Menschen mit Rassismuserfahrungen in rassistischen Strukturen systematisch benachteiligt werden, während weiße Menschen Privilegien erhalten.

Wenn der Rassismus nicht intentional ist, wie bekämpfen wir ihn dann am besten?

In meiner Forschung konzentriere ich mich auf die Auswirkungen einer Handlung oder einer Aussage. Auch wenn etwas nicht rassistisch gemeint war, kann es rassistisch sein. Dass der Großteil von Rassismus nicht intentional ist, bedeutet für meine Arbeit vor allen Dingen: Personen ohne Rassismuserfahrungen brauchen die Bereitschaft zur kritischen und oft auch unangenehmen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Positionierung in einem rassistischen System, von dem sie profitieren. Weiße Menschen müssen sich also dringend mit ihren Privilegien auseinanderzusetzen und sich immer wieder kritisch fragen: „Inwiefern profitieren weiße Menschen wie ich von der Benachteiligung von Personen of Color?“, „Welche Erfahrungen bleiben mir als weiße Person erspart?“ und „Wie kann ich meine Privilegien für Betroffene nutzen und sie solidarisch unterstützen?“. Es ist sehr wichtig zu verstehen: Rassismus ist nicht das Problem der Betroffenen. Vielmehr sind Critical Whiteness und ein kritischer und ehrlicher Umgang mit strukturellen Rassismen unabdingbar, um Rassismus zu thematisieren und zu überwinden. Eine plurale Migrationsgesellschaft wie Deutschland darf Rassismus nicht dulden.

Wie muss sich die Rassismusforschung in Deutschland verändern?

Eine Schwierigkeit, rassismuskritische Forschung zu betreiben, liegt in den Förderstrukturen von wissenschaftlicher Forschung. Forschung findet vor allem in Forschungsprojekten statt, die durch Drittmittel finanziert werden – also beispielsweise bei Stiftungen oder Bundesministerien eingeworben werden müssen. Projekte, die strukturelle und institutionelle Formen von Rassismus ins Zentrum stellen, werden im Wettbewerb oftmals nicht als förderungswürdig gesehen. Aus meiner Perspektive brauchen wir daher ein Umdenken im Wissenschaftsbetrieb. Durch gezielte Förderstrukturen, die das Thema Rassismus offensiv auf die Agenda setzen und interdisziplinäre Forschungsprojekte ermöglichen, kann der Forschungsrückstand in Deutschland zu diesem Themenbereich langsam aufgeholt werden. Universitäten müssen sich noch viel stärker als bisher mit kolonialen Kontinuitäten, strukturellen Ungleichheitsphänomenen und der Überwindung der eurozentrischen Perspektiven auseinandersetzen und diese Themen als Querschnittsaufgabe verstehen.

In dem Interview mit Deutschlandfunk Nova erzählst du, dass ein Prüfer dich nach einer Germanistikprüfung mal für dein gutes Deutsch gelobt hat. Siehst du dich als Wissenschaftlerin of Color im Universitätskontext regelmäßig mit solchen Vorurteilen konfrontiert?

Als Frau of Color aus einer migrantischen Arbeiter*innenfamilie bin ich im Wissenschaftsbetrieb immer die Ausnahme. Meine Großmütter waren beide Analphabetinnen, meine Mutter musste dafür kämpfen, dass sie eine Grundschule besuchen durfte. In meinem Umfeld haben mir alle von einem Studium abgeraten. Ich bin mit Existenzängsten und Armut aufgewachsen und war die Erste in meiner Familie, die ein Gymnasium besucht hat, die studiert hat und die jetzt promoviert. Bei jeder neuen Stufe hatte ich große Angst. Es gab keine Menschen in meinem familiären Umfeld, die mir Orientierung bieten konnten und mir meine Ängste und Sorgen nehmen konnten. Ich habe auf meinem Weg oft stark gezweifelt und habe viele Hürden überwinden müssen. Ich kannte niemanden, der*die das geschafft hatte, was ich schaffen wollte. Ich wusste nicht, ob meine Ziele für einen Menschen mit meinen Startbedingungen möglich waren. Obwohl die Studierendenschaft immer diverser wird, sind Personen mit ähnlichen Lebensrealitäten wie meiner an den Universitäten immer noch kaum vertreten.

Wie hast du es, trotz der Widerstände, so weit geschafft?

Ich habe unglaublich hart gearbeitet; aber das tun sehr viele Menschen, die ähnliche Hürden überwinden müssen. Ich hatte das große Glück, auf meinem Weg Unterstützer*innen zu finden, die Potenzial in mir erkannt und Dinge in mir gesehen haben, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht sehen konnte. Ohne diese Unterstützer*innen wären meine Mühen vielleicht vergebens gewesen. Es sollte aber nicht von Glück oder Zufall abhängen, ob eine wissenschaftliche Karriere für Menschen möglich ist. Wir brauchen daher unbedingt Unterstützungsangebote und viel mehr organisierte Community Care und Strukturen, die junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen unterstützen und empowern. Immer mehr Studierende aus strukturell benachteiligten Gruppen fangen ein Studium an. Gleichzeitig reflektieren die Professor*innen und Universitätsleitungen diese Diversität in der Studierendenschaft bisher noch nicht. Universitäten sind leider immer noch Festungen der Privilegierten.

Wie reagieren Studierende of Color auf dich als Dozentin?

Viele geben mir das Feedback, dass sie sich sehr inspiriert und bestärkt davon fühlen, eine Dozentin wie mich zu haben, die ihre Lebensrealität nachvollziehen kann und repräsentiert. Dass Personen wie ich vereinzelt präsent sind, reicht aber nicht. Wir brauchen Anlaufstellen und strukturelle Förderprogramme an allen Universitäten, die auf die Bedürfnisse dieser Personen zugeschnitten sind und sie gezielt in ihrem Werdegang begleiten und unterstützen. Repräsentation ist ein guter Anfang, aber ohne Inklusion und strukturelle Veränderungen ist sie wertlos.

Was müssen Universitäten konkret unternehmen, damit sich Studierende of Color genauso verwirklichen können wie weiße Studierende?

Studierende of Color müssen sich in den Lehrinhalten, Wissenschaftler*innen und der Leitungsebene reflektiert sehen. Dafür brauchen wir im Bereich der Hochschulen eine Veränderung von Personen in Entscheidungspositionen. Obwohl Frauen im Wissenschaftsbetrieb immer noch unterrepräsentiert sind, gibt es mittlerweile viele Auseinandersetzungen und Strategien zur Förderung der benachteiligten Gruppe der Frauen. Diese Praktiken und Diskussionen werden jedoch nicht auf die Dimension race übertragen. In Universitäten fehlt es an einem tiefen Bewusstsein für die Unterrepräsentation von Wissenschaftler*innen of Color auf Leitungsebenen, da sich die Gleichstellungspolitik bisher singulär auf binäre Geschlechterdimensionen bezieht. Die Sensibilisierung für weitere Dimensionen der strukturellen Diskriminierungen ist aber sehr wichtig, um Positionen in der Wissenschaft diverser und inklusiver zu gestalten.

Für Studierende of Color halte ich strukturell verankerte und geförderte Unterstützungsangebote sowie Mentoring für sehr relevant, um das gegenseitige Empowerment und den Erfahrungsaustausch zu institutionalisieren. Darüber hinaus brauchen alle Universitäten professionell geschulte Antidiskriminierungsbeauftragte, die bei Fällen von Diskriminierungen beraten, begleiten und unterstützen können. Das ist ein sehr wichtiges Zeichen für Studierende of Color, da es symbolisiert: „Wir sind uns bewusst, dass Universitäten keine diskriminierungsfreien Räume sind. Aber wir möchten offen damit umgehen und bieten Betroffenen Beratung und Unterstützung, falls ein solcher Fall eingetreten sein sollte.“

Auch bei der Anzahl an weiblichen Professorinnen sieht es im europäischen Ländervergleich in Deutschland schlecht aus. Inwiefern versuchen Universitäten, auch alte Machtstrukturen instand zu halten?

Universitäten sträuben sich bisher sehr stark, konsequente Veränderungen im Bereich Diversität und Inklusion voranzutreiben. Vielmehr werden aus meiner Wahrnehmung Privilegien und Vormachtstellungen abgesichert, sodass Frauen auf diesen Positionen bisher kaum vertreten sind. Gleichzeitig stelle ich in diesen Diskursen und Auseinandersetzungen sehr häufig ein Fehlen von intersektionalen Perspektiven fest, sodass die Perspektiven von Mehrfachdiskriminierten kaum verhandelt werden. Das sorgt in wichtigen feministischen Anliegen zur Geschlechtergerechtigkeit jedoch wieder für erneute Ungleichheiten. Während wir viel über die fehlende Anzahl von Frauen als Professorinnen diskutieren, gibt es kaum Diskussionen über die Unterrepräsentation von Schwarzen Personen. Wir müssen vielmehr lernen, intersektionale Mehrfachdiskriminierungen zu berücksichtigen, denn Schwarze Frauen sind nicht heute von Rassismus betroffen und morgen von Sexismus – beide Diskriminierungsformen finden gleichzeitig statt. Feminismus muss daher unbedingt intersektional sein, um nicht weitere Ungleichheiten herzustellen und zu manifestieren.

Wie können wir das Bildungssystem grundlegend verändern?

Auf der Ebene des Bildungssystems, das bereits vorhandene Ungleichheiten weiter manifestiert und die Privilegien aufrechterhält, bin ich der Meinung: Wir brauchen eine Bildungsrevolution. Das Bildungssystem muss sich an die Realität der Diversität in den Klassenzimmern und Hörsälen anpassen, sodass sich Bildungsinstitutionen in Deutschland an die Realität in der Migrationsgesellschaft eingliedern. Das bedeutet, ein diskriminierungskritisches Bildungssystem auf allen Ebenen zu etablieren.


Von Celia Parbey auf EDITION F.

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