Frauen oder Menschen mit Behinderung – wie divers ist „Game of Thrones“ wirklich?

Kaum eine Serie verflechtet in ihrem Drehbuch die Geschichten so vieler unterschiedlicher Figuren. Doch wie divers sind die Charaktere aus Game of Thrones wirklich? Und wie angemessen werden sie dargestellt?

Filme und Serien prägen unser Verständnis von der Realität. Sie formen Bilder, die wir von anderen Menschen haben – und uns machen. Eine Serie, die Millionen von Menschen beeinflusst, ist Game of Thrones. Daher lohnt es sich einen Blick auf diese Fragen zu werfen: Wie divers ist die Serie eigentlich? Wie werden etwa Frauen in Game of Thrones dargestellt? Oder nicht-weiße Menschen und Menschen mit Behinderung? In manchen Punkten ist die erfolgreichste HBO-Serie aller Zeiten wegweisend, in anderen wiederum problematisch.

So vielfältige Frauencharaktere sind für das Genre Fantasy einzigartig

Arya, Daenerys, Sansa, Cercei, Brienne – diese Figuren werden meist genannt, wenn es um die Frage geht, wie vielfältig Weiblichkeit in Game of Thrones repräsentiert wird. Tatsächlich sind so vielfältige Frauencharaktere wie bei Game of Thrones für das Genre Fantasy einzigartig. In Der Hobbit etwa musste Regisseur Peter Jackson den Charakter Tauriel dazu erfinden, damit es überhaupt eine Frauenfigur gibt.

Daenerys, Cercei und Co sind keine passiven Frauenfiguren. Sie lenken das politische Geschehen maßgeblich und thematisieren auch immer wieder die patriarchalen Strukturen, in denen sie leben. Diese sehen für sie eigentlich einen bestimmten Platz vor – und zwar nicht den auf dem eisernen Thron. Auch den Bechdel-Test besteht Game of Thrones. Um herauszufinden, wie stereotypisch weibliche Figuren dargestellt werden, werden bei diesem Filme und Serien auf folgende Fragen hin geprüft:

1) Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?
2) Sprechen sie miteinander?
3) Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Alle drei Teile der Herr-der-Ringe-Saga fallen hingegen durch.

Der Male Gaze: Alle Frauen sind normschön

Dennoch gibt es immer wieder berechtigte Kritik an Game of Thrones. Gerade in den ersten Staffeln fragten sich viele, warum Frauen so häufig nackt durch das Bild hüpfen müssen, selbst wenn es für den Plot völlig irrelevant ist. Auch die exzessive und fast schon beiläufige Darstellung sexualisierter Gewalt war ein Thema. Und auch, dass dabei die Perspektive des Opfers nicht im Vordergrund steht.

Ein Beispiel dazu: In der fünften Staffel wird Sansa Stark von Ramsay Bolton vergewaltigt. Doch das Bild, das am stärksten in Erinnerung bleibt, ist das des leidenden Theon, der die Szene beobachten muss. Das ist natürlich kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung der Regie, um die emotionale Entwicklung dieses Charakters zu beschreiben. Die Emotionalität des Opfers Sansa scheint in diesem Moment nicht so relevant zu sein.

Das Gegenargument ist dann oft: Das Setting der Serie sei ja dem Mittelalter nachempfunden. Sexualisierte Gewalt sei damals eben allgegenwärtig gewesen. Warum das Bullshit ist, hat die Autorin Lene Glinsky im Missy Magazine mal beschrieben: „Wenn einerseits das Authentizitätsargument benutzt wird, um rassistische und sexistische Situationen im Fernsehen zu entschuldigen, andererseits die Aufmachung der Frauenfiguren nicht unbedingt dem Schönheitsideal des spätmittelalterlichen Englands entspricht, wird klar: Gezeigt wird, was sich verkaufen lässt.“

Tatsächlich sind fast alle weiblichen Figuren in Game of Thrones normschön: Sie sind dünn, sie haben makellose Zähne, als kämen sie gerade von der mittelalterlichen Zahnreinigung, sie tragen keine Narben und wohl frisiertes Haar. Beflügelte Männerfantasien also? Ja, kann man so sagen. Dieses Phänomen ist in der feministischen Medientheorie unter dem Namen Male Gaze bekannt, also: der männliche, heterosexuelle Blick auf Frauen.

White Gaze: So werden nicht-weiße Menschen dargestellt

Game of Thrones schneidet auch nicht so gut ab, wenn es um den White Gaze geht, also um den Weißen Blick auf die Welt und somit die stereotypisierende Darstellung nicht-weißer Menschen. Doch erst einmal einen Schritt zurück: Wie divers ist der Hauptcast von Game of Thrones überhaupt? Die Antwort ist: Naja.

Nicht-weiße Figuren tauchen, wenn überhaupt, als Nebenfiguren und Handlanger*innen von weißen Figuren auf, etwa wie die Daenerys-Treuen Missandei und Grey Worm. Genau das kritisierte auch der britische Schauspieler John Boyega, bekannt aus der neuen Star-Wars-Trilogie. Dem Onlinemagazin GQ sagte er vor dem Start der siebten Staffel der Serie: „Es gibt keine Schwarzen Leute in Game of Thrones […] Ich bezahle kein Geld dafür, um immer wieder die gleichen Personentypen auf dem Bildschirm zu sehen.“

Tauchen nicht-weiße Charaktere auf, werden sie stark exotisiert, zum Beispiel zu Wilden gemacht, wie etwa das Volk der Dothraki in der ersten Staffel. Nicht-weiße Frauen werden zusätzlich hypersexualisiert dargestellt. Ein Beispiel dafür sind Elleria Sand und ihre Töchter aus Dorne.

Dann gibt es noch ein anderes Schicksal für nicht-weiße Menschen in der Geschichte: Sie müssen mal wieder vor sich selbst oder aus der Versklavung gerettet werden – von einer Figur, die weißer nicht sein könnte: Daenerys Targaryen.

Der Tyrion-Test: Figuren mit Behinderung auf Augenhöhe

Zumindest bei einem Thema sind sich alle einig, dass Game of Thrones eine gelungene Repräsentation gelingt: Angelehnt an den Bechdel-Test hat der US-amerikanische Autor und Aktivist Andrew Pulrang den Tyrion-Test entwickelt. Zur Erinnerung: Tyrion ist nach Cercei und Jamie der jüngste der Lannister-Geschwister. Seit der fünften Staffel steht er Daenerys beratend zu Seite. Tyrion ist kleinwüchsig. Und genau darum geht es in dem Test von Pulrang. Er untersucht, ob:

1) Es mindestens eine Figur mit Behinderung gibt, die für die Drehbuchentwicklung eine entscheidende Rolle spielt, ohne dass ihre Behinderung im Vordergrund steht
2) ob Figuren mit Behinderung realistisch gezeigt, ihre Leiden etwa nicht absichtlich überzogen dargestellt werden, um Mitleid für sie zu erzeugen
3) und ob Figuren mit Behinderung nicht ausschließlich passiv und hilfsbedürftig sind, sondern aktiv und selbstermächtigt. Und ob sie andere Figuren unterstützen.

Laut Pulrang ist Tyrion Lannister, der übrigens alle Punkte besteht, der beste disabled charakter, den er je gesehen hat. Die Wissenschaftlerin Dr. Anna Voigt hat außerdem festgestellt, dass die Kameraführung in Game of Thrones entscheidend dazu beiträgt, dass Tyrion trotz Kleinwüchsigkeit oft auf Augenhöhe mit anderen Charakteren wirkt. Bildlich wird also nicht darauf bestanden, seine Behinderung sichtbar zu machen.

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