Free Bleeding: Diese Menschen menstruieren ohne Hygieneprodukte

Bei der freien Menstruation verzichten menstruierende Menschen auf Tampons oder Binden und bluten im Alltag auf der Toilette ab. Zwei Frauen erzählen, wie es funktioniert und was sie dazu bewegt hat.

Free Bleeding: Diese Frauen menstruieren ohne Hygineprodukte

„Durch die Körperbeobachtung kommst du deinem Körper viel näher. Umso besser kannst du dich selbst auch akzeptieren und fühlst dich wohler in deiner Haut", sagt Anne. Foto: Caique Silva / Unsplash | CC0

Aktuell findet man im Netz rund um das Thema Menstruation krasse Extreme: Menschen, die mithilfe der Hormonspirale gar nicht mehr bluten wollen oder aber Frauen, die ihren Zyklus und die Menstruation lieben – ebenso wie Menschen, die mit der sogenannten freien Blutung auf Hygieneprodukte verzichten. Beim Free Bleeding setzen sich menstruierende Menschen intensiver als bei der Verwendung von Hygieneprodukten mit dem eigenen Körper und der Blutung auseinander. Warum entscheiden sie sich bewusst für diese Auseinandersetzung? Und: Setzt dieser Trend ein Zeichen gegen den Anspruch, auch während der Menstruation in der Arbeitswelt immer perfekt funktionieren zu müssen?

So funktioniert Free Bleeding

Wenn Anne ihre Periode hat, nimmt sie weder Hormonpräparate noch Tampons oder Binden. Stattdessen geht sie etwa alle 20-30 Minuten zur Toilette, lässt das Blut ablaufen und wendet sich danach wieder ihrem Alltag zu. Anne ist 33 Jahre alt, lebt am Rand von Berlin und hat zwei Kinder. Sie betreibt den YouTube-Kanal Natürliche Fruchtbarkeit und den Blog Trainyabrain mit den Schwerpunkten natürlich schwanger werden und Zyklusbeobachtung. Dabei schaut sie sich bewusst die Eisprungzeiten des Frauenkörpers an. So war es für sie nur logisch, auch eine natürliche Form des Menstruierens auszuprobieren. Die freie Menstruation bedeutet, keine künstlichen Produkte zu benutzen, die das Blut während der Periode im Körper halten.

Als Anne zum ersten Mal frei blutet, lässt sie zunächst die Tampons weg, verwendet zur Sicherheit eine dünne Stoffbinde und beginnt, ihren Körper zu beobachten. Sie arbeitet zu dieser Zeit im Homeoffice und kann das Ganze dadurch in Ruhe ausprobieren: „An den ersten zwei Tagen bin ich etwa alle 20 Minuten auf die Toilette gegangen. Immer dann, wenn ich gemerkt habe, dass sich meine Vagina leicht feucht anfühlt – wie etwa in der Eisprungzeit wenn man mehr Zervixschleim produziert – bin ich zur Toilette gegangen und es kam ein Schwall Blut heraus.“

Während der Menstruation wird Gebärmutterschleimhaut abgestoßen und durch die kleine Öffnung des Muttermundes, dem Übergang vom Gebärmutterhals zur Vagina, abgelassen. Die Abstoßung der Schleimhaut geschieht durch Muskelkontraktion der Gebärmutter, das Blut fließt deshalb nicht permanent, sondern in Schüben, die natürlich von Frau zu Frau unterschiedlich sind. Üblicherweise dauert die Menstruation etwa drei bis vier Tage und der Körper verliert in etwa 60 Milliliter Blut.

Weniger Schmerzen durch Free Bleeding?

Bei der heute 53-jährigen Maria war der Leidensdruck ausschlaggebend für ihre Suche nach alternativen Methoden. Die Österreicherin betreibt den Blog Widerstandistzweckmäßig, wo sie auch über ihre Erfahrungen mit freier Menstruation berichtet. Mit Ende vierzig probierte sie die Methode zum ersten Mal aus: „Als ich in die Wechseljahre gekommen bin, wurde meine Regel sehr stark und ich hatte zunehmend Probleme mit Tampons, sodass ich sie alle 45 bis 60 Minuten austauschen musste. Dadurch wurde meine Vagina trocken und schmerzte. Auch mit der Menstruationstasse bin ich nicht zurechtgekommen, weil das Einführen schmerzhaft war und keine Verlängerung der Wechsel-Intervalle brachte.“

Die Verwendung von Tampons und Menstruationstassen ist laut Öko-Test in der Regel unbedenklich. Ende 2017 schnitten bei einer Öko-Test-Studie 14 von 15 Tamponmarken mit einem sehr guten Ergebnis ab, auch fünf von sechs Menstruationstassen konnten mit einem positiven Ergebnis überzeugen. Noch 2007 enthielten viele Tampons krebserregende Stoffe. Das hat sich inzwischen geändert. Trotzdem kann es bei der Benutzung zu anderen Problemen kommen, wie in Marias Fall. Als sie begann, die Produkte wegzulassen und Free Bleeding zu praktizieren, ließen die Schmerzen sofort nach. Dabei verwendete sie keine Binden, sondern nur ein dünnes Stofftuch zum Falten: „Am Anfang habe ich auf die Uhr geschaut und bin alle zwanzig Minuten auf die Toilette gegangen. Dort zog ich den Nabel in Richtung Wirbelsäule und kippte das Becken leicht nach vorne, um den Druck auf die Gebärmutter zu verstärken und Blut abzulassen.“ In der Nacht ging Maria etwa zweimal zur Toilette – und dazwischen blutete sie kaum: „Ich war völlig überrascht, dass das so natürlich und einfach funktioniert hat.“

Ich war völlig überrascht, dass das so natürlich und einfach funktioniert hat.

Maria

Blick in die Geschichte

Tatsächlich kannten Frauen schon vor Tausenden von Jahren Hilfsmittel zum Auffangen von Blut, wie zum Beispiel Binden aus Bast, Fasern und Gras oder aber Stofftücher wie im antiken Griechenland. Als Geburtsstunde der Gynäkologie in Deutschland gilt die Mitte des 19. Jahrhunderts. Exemplarisch ist aus dieser Zeit die Schrift Die Hygiene der Menstruation des Gynäkologen Livius Fürst, der 1894 die Entwicklung einer saugfähigen Binde beschreibt, die jedoch von den wenigsten Frauen verwendet wurde. Denn vor allem auf dem Land war es zu dieser Zeit unüblich, Unterhosen zu tragen. Die Frauen bluteten frei, das Blut lief also unter Umständen auch mal am Bein herunter – im besten Fall unter einem Rock. Beim Blick in die Geschichte sollte man sich vor Augen führen, dass Frauen in früheren Zeiten im Verlauf ihres Lebens viel seltener bluteten als wir heute: Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit brachten Frauen im Schnitt sechs Kinder zur Welt – und bluteten folglich während Schwangerschaft und Stillzeit für etwa ein bis drei Jahre nicht. Außerdem hatten die Menschen noch um 1700 eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 30 Jahren, um 1900 lag sie bei etwa 50 Jahren.

Wie das Umfeld der Bloggerinnen reagierte

Maria hat die freie Menstruation bis zu ihrer Menopause zwei bis drei Jahre lang praktiziert – und ärgert sich heute nur darüber, die Methode nicht schon früher entdeckt zu haben. Ihr Partner unterstützte sie damals bei ihrer Entscheidung. In ihrem Bekanntenkreis wurde sie immer wieder gefragt, ob Frau beim Free Bleeding nicht unangenehm rieche. „Ich finde, die konventionellen, verkäuflichen Binden mit Gelkern riechen bei Gebrauch wirklich unangenehm. Aber das Blut an sich ist geruchlos. Und wenn ich meine selbstgenähten Stofftücher verwende, riecht das völlig neutral.“, erzählt Maria. Auch Anne erhielt von ihren Freund*innen und Follower*innen sehr unterschiedliche Rückmeldungen: „Manche haben mich für total verrückt erklärt. Andere behaupteten, dass das doch gar nicht funktioniere – ohne es selbst auszuprobieren. Aber einige waren auch super aufgeschlossen und erzählten, dass sie das Blutablassen auf der Toilette beim Gebrauch mit Stoffbinden selbst schon intuitiv praktizieren.“

Manche haben mich für total verrückt erklärt. Andere behaupteten, dass das doch gar nicht funktioniere – ohne es selbst auszuprobieren.

Anne

Vor- und Nachteile von Free Bleeding

Für Maria liegen die Vorteile der freien Menstruation auf der Hand: „Frei von Schmerzen zu sein, war es mir definitiv wert, alle zwanzig Minuten auf die Toilette zu gehen. Diese kurzen Intervalle beschränkten sich lediglich auf den ersten Tag, danach wurden die Abstände größer bis hin zu zwei bis drei Stunden. Mit der Zeit bin ich auch arbeiten gegangen und das hat super funktioniert – wobei ich das Glück habe, bei meinem Job jederzeit auf die Toilette gehen zu können.“

Anne schätzt an der freien Menstruation vor allem das verstärkte Körperbewusstsein: „Durch die Körperbeobachtung kommst du deinem Körper viel näher. Umso besser kannst du dich selbst auch akzeptieren und fühlst dich wohler in deiner Haut. Die unterstützenden Stoffbinden fühlen sich außerdem viel angenehmer an als Wegwerfbinden, weil man kein schwitziges Gefühl hat. Und letztlich ist Free Bleeding umweltschonend, weil man die Stoffbinden seltener wechseln muss und waschen kann.“

Nachteilig ist sicherlich der häufige Toilettengang – besonders dann, wenn man arbeitet oder unterwegs ist. Für viele Frauen ist es einfach nicht machbar, ein bis zwei Tage im Monat alle zwanzig Minuten zur Toilette zu gehen. Dabei sollte genau das möglich sein: Dass man sich an diesen Tagen so oft hinsetzen und zur Toilette gehen kann, wie man möchte. Free Bleeding fordert das naturgemäß ein – und kann damit ein wichtiges Zeichen setzen. Denn die Arbeitswelt verlangt oft auch während der Menstruation, wie gewohnt zu funktionieren. Obwohl viele Menschen Kopfschmerzen und Unterleibskrämpfe ertragen müssen.

Während der Menstruation sollte die Wahl bestehen, ob nun Free Bleeding, Tampons oder Spirale. Frauen sollten sich nicht dafür rechtfertigen müssen, keine Hormone oder Schmerztabletten schlucken oder Fremdkörper im Unterleib haben zu wollen.

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