Gesucht: Mein Vater, der DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik

Endete der Arbeitsvertrag, mussten Gastarbeiter*innen die DDR verlassen. Selbst dann, wenn sie Kinder bekommen hatten. Frances und Fatima sind zwei dieser Kinder, die ihre Väter jahrelang in Mosambik suchten.

Auf dem Bild sieht man Frances Kutscher. Die junge Frau lebt mit ihrer Familie in Cottbus. In der Stadt, in die ihr Vater vor 30 Jahren zum Arbeiten in die DDR kam.

Frances Kutscher lebt mit ihrer Familie in Cottbus. In der Stadt, in die ihr Vater vor 30 Jahren zum Arbeiten in die DDR kam. Foto: Nina Monecke / ze.tt

Bis vor einem Jahr wusste Frances Kutscher nicht mehr über ihren Vater als seinen Namen und sein Herkunftsland: Domingo Francisco Antonio Pires aus Mosambik. Sie ist ohne ihn aufgewachsen. „Das war eben so“, sagt Frances ohne Verbitterung in der Stimme. In Deutschland, wo jedes fünfte Kind mit nur einem Elternteil lebt, meistens mit der Mutter, ist das vielleicht wirklich nicht so ungewöhnlich. Die Geschichte von Frances ist es aber doch. Weil sich ihre Eltern nicht freiwillig getrennt haben.

Ihr Vater kam Ende der 80er als einer von rund 20.000 Vertragsarbeiter*innen aus dem sogenannten sozialistischen Bruderstaat Mosambik in die DDR, nach Cottbus. 1992 wollte er nur für ein paar Wochen zurück in die Heimat, um seinen Eltern Geld und Möbel zu bringen. So erzählt es Frances Mutter. Doch ihr Vater kam nie zurück. Ein Jahr später riss auch der Briefkontakt ab. Freund*innen von Domingo erzählten Frances Mutter, dass dieser schon eine neue Familie in Mosambik habe. Sie hörte auf, zu warten. Dass all das gar nicht stimmte, fand die Tochter erst Jahre später heraus.

Kennengelernt hatte sich das Paar auf einer Party in Berlin. Frances Mutter lebte zu der Zeit in Finsterwalde in Brandenburg, etwa 60 Kilometer von Cottbus entfernt, und fuhr mit Freundinnen öfter in die Hauptstadt zum Feiern. Domingo und seine mosambikanischen Kollegen nutzten am Wochenende die Gelegenheit, um mal aus ihrem Wohnheim rauszukommen.

Frauen, die mit ausländischen Vertragsarbeitern zusammen waren, wurden als asozial diffamiert

Vertragsarbeiter*innen wurden in der DDR zentral in Wohnheimen untergebracht. Die Vorschriften waren strikt. Die Bewohner*innen mussten sich bei der*dem Pförtner*in an- und abmelden, Besuche nach 22 Uhr waren verboten. Sie sollten unter sich bleiben, Beziehungen mit DDR-Bürger*innen waren nicht erwünscht. Doch manche setzten sich darüber hinweg, so wie die Eltern von Frances.

1989 arbeiteten über 90.000 Vertragsarbeiter*innen für die Planwirtschaft der DDR. Sie kamen aus den verbrüderten Staaten Polen, Ungarn, Mosambik, Angola, Algerien, Kuba oder Vietnam. Ihre Arbeitsverträge liefen meist über drei bis fünf Jahre. Dann sollten sie zurück. Doch das Verhältnis zu den „Freunden aus dem Ausland“ war nicht unbedingt brüderlich: In der DDR wurden viele Vertragsarbeiter*innen rassistisch angefeindet, es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. 1991 machten Neonazis in Hoyerswerda Jagd auf mosambikanische und vietnamesische Arbeiter*innen.

Mit Ende der DDR waren die verbliebenen Vertragsarbeiter*innen die ersten, die ihre Jobs verloren – und damit auch ihr Bleiberecht. Ihre Wohnheimzimmer wurden ihnen gekündigt, Arbeitsverträge aufgelöst. Frances vermutet, dass es im Fall ihres Vaters auch so passiert sein könnte. Es kursierten Gerüchte, sagt die 26-Jährige, dass Vertragsarbeiter*innen unter Druck gesetzt wurden, nach Hause zu fliegen. Den Partner*innen in der DDR sollten sie Vorwände präsentieren, damit niemand auf die Idee kam, noch schnell zu heiraten und möglicherweise so ein Aufenthaltsrecht zu erwirken.

Wie reißt einfach so der Kontakt ab?

Eine Heirat war aber gar nicht so einfach, sagt Fatima Woznica. Ihr Vater Antonio Inacio Jone war ebenfalls Vertragsarbeiter aus Mosambik. Sowohl die DDR als auch das Herkunftsland mussten einer Eheschließung zustimmen und selbst die bedeutete nicht automatisch, dass die Person aus dem Ausland in der DDR bleiben konnte. Fatimas Vater kam 1980 nach Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt, wo er bei einem Obstbauern arbeitete. Anfang 1985 sollte auch er zurück. Antonio versuchte noch, sich bei seiner Freundin zu verstecken. Als er abgeschoben wurde, war Fatima gerade einmal wenige Wochen alt. Das Paar schrieb sich weiter Briefe, bis nach drei Jahren der Kontakt abbrach.

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„Man hat den Vätern die Kinder gestohlen und uns Kindern die Väter vorenthalten“, sagt Fatima Woznica. Foto: Nina Monecke / ze.tt

Wie passiert das so einfach? Fatima und Frances betonen beide beim Erzählen, dass vieles in Mosambik nicht so einfach sei, wie es sich Außenstehende in Deutschland vielleicht vorstellen. Mosambik an der Südostküste Afrikas war bis 1975 eine portugiesische Kolonie. Der folgende Bürgerkrieg endete 1992. Erst im August 2019 unterzeichneten die Regierung und die Renamo-Rebellen offiziell einen Friedensvertrag. Die meisten Menschen leben vor allem auf dem Land in großer Armut – rund 60 Prozent der Bevölkerung von weniger als 1,70 Euro am Tag. Weder ein Internet- noch ein Telefonanschluss ist selbstverständlich, manchmal nicht mal eine eigene Postadresse. Wer nicht die Amtssprache Portugiesisch spricht, wird es schwer haben, jemanden zu finden.

Die Fragen kommen für Fatima und Frances mit der Pubertät. Doch niemand kann wirklich Auskunft geben. In Frances Familie entsorgten neue Partner der Mutter die letzten Überbleibsel ihres Vaters aus der Wohnung. Lange traut sie sich gar nicht, Briefe an die letzte ihr bekannte Adresse in Mosambik abzuschicken. Ihre Großmutter hatte ihr immer wieder erzählt, ihr Vater habe sie nicht gewollt, weil sie ein Mädchen war.

Beide Frauen fragen bei den Botschaften in Deutschland und in Mosambik an. Keine Antwort. Ob es denn keine*n Beauftragte*n, keine offizielle Stelle für diese Fälle gebe? „Nicht, dass ich wüsste“, sagt Fatima. Für sie ein großes Unrecht: „Man hat den Vätern die Kinder gestohlen und uns Kindern die Väter vorenthalten.“ Auch für die Mütter war die Situation nicht leicht. Frances erinnert sich an rassistische Beleidigungen gegen ihre Mutter, einer Bekannten wurden diese sogar an die Häuserwand geschmiert: „N*schlampe.“ Die Doku Eigensinn im Bruderland zitiert Unterlagen von DDR-Behörden, in denen Frauen, die mit ausländischen Vertragsarbeitern zusammen waren, als asozial diffamiert wurden.

Man hat den Vätern die Kinder gestohlen und uns Kindern die Väter vorenthalten.

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Dieses Foto von ihrem Vater hat Frances von ihren Geschwistern aus Mosambik bekommen, abfotografiert mit einer Handykamera und Blitz. Foto: privat

Fatima und Frances beginnen in Internetforen zu recherchieren, geben die wenigen Infos, die sie haben, bei Facebook ein, schreiben dort in mosambikanische Gruppen, kontaktieren Politiker*innen und Redaktionen. Wie viele Kinder ihre Väter in Mosambik suchen, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. Der Leipziger Verein Reencontro familiar ist eine der wenigen Anlaufstellen für Menschen wie Frances und Fatima. Initiiert von dem Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner und Manuel Siegert, Sohn eines mosambikanischen Vertragsarbeiters, werden Suchanzeigen auf einem Blog veröffentlicht und vermittelt. Ehrenamtliche Mitarbeiter*innen suchen vor Ort in Mosambik, machen dort Aushänge mit Namen in der Hauptstadt Maputo.

Letztlich ist es ein solcher Aushang – ob von Reencontro familiar ist nicht klar –, auf dem ein entfernter Verwandter ihres Vaters den Namen von Frances Kutscher erkennt. Er findet sie auf Facebook, schreibt ihr eine Nachricht auf Englisch und zeigt ihr schließlich ein Foto, auf dem ihre Mutter und ihr Vater zusammen zu sehen sind. Darauf sitzt das Paar auf einem Sofa, die Köpfe sind eng aneinander gelehnt, der Vater hat Frances großen Bruder auf dem Schoß. Leider ist die Aufnahme, die Frances hat, sehr verschwommen. Doch dass ihre Eltern darauf lächeln, ist deutlich zu erkennen.

Das passierte Anfang 2018. Auf die schöne Nachricht folgt schnell eine traurige: Frances Vater ist bereits 2002 nach langer Krankheit gestorben. Aber er hat in Mosambik von ihr erzählt. Frances hat dort eine Schwester und zwei Brüder, alle drei sind deutlich jünger als sie. Dass ihr Vater schon schnell nach seiner Rückkehr eine neue Familie gehabt haben soll, kommt so nicht hin. Dass er sie angeblich nicht wollte, auch nicht.

Eine falsche Info, die viele Jahre Zeit gekostet hat

Die Suche, die hier nur über wenige Zeilen skizziert wird, dauerte in beiden Fällen über ein Jahrzehnt. Immer wieder gab es Enttäuschungen, zunächst vielversprechende Spuren stellten sich als Sackgassen heraus. Frances fand Halt in der Facebook-Gruppe Solibabys, in der sich Kinder, Mütter und Väter über ihre Erfahrungen austauschen.

Fatima fiel einmal beinah auf Betrüger herein, die sich als ihr Vater ausgaben. Für sie war es sehr schwer, ohne ihn aufzuwachsen. In ihrer Familie habe sie sich unverstanden gefühlt, erzählt sie. Vor ein paar Jahren zog sie mit ihren drei Kindern von Sachsen-Anhalt nach Remscheid bei Köln. Für einen neuen Job, aber auch, weil sie den Alltagsrassismus in Halle nicht mehr ertragen wollte. Erst als sie Anfang 2019 nach Eisleben zurückkehrt, um dort den Obstbauern zu treffen, bei dem ihr Vater arbeitete, bekommt Fatima den entscheidenden Hinweis für ihre Suche. Ein ehemaliger Kollege ihres Vaters erzählt ihr, dass dieser aus der Stadt Chimoio stamme. Fatima war bis dahin von einem anderen Ort in Mosambik namens Sussundenga ausgegangen. „Ich habe dort bestimmt jede Person mit dem Nachnamen Jone bei Facebook angeschrieben.“ Eine falsche Info, die die 34-Jährige viele Jahre Zeit kostete.

Dann geht es ziemlich schnell. Über einen weiteren Kontakt vor Ort bekommt Fatima eine Telefonnummer, unter der sie schließlich ihren Vater erreicht. Ihr kamen die Tränen, sagt sie. Ihr Vater Antonio lebt heute mit seiner Ehefrau in Südafrika. Viele der sogenannten Madgermanes, eine Wortschöpfung aus „verrückte Deutsche“ und „Made in Germany“, wurden nach ihrer Rückkehr ausgegrenzt. Aus Neid über die Ausbildung, die sie in Deutschland bekommen hatten. Oder aus Wut darüber, dass sie in einer Zeit das Land verlassen hatten, in der Mosambik von einem Bürgerkrieg erschüttert wurde.

Doch die Madgermanes wurden in zweierlei Hinsicht nicht fair behandelt. Woche um Woche demonstrieren sie auch Jahre später noch in der Hauptstadt Maputo und fordern einen Teil ihrer Löhne, den sie nie bekommen haben. Das Geld sollte bei ihrer Ankunft in Mosambik auf sie warten. Tatsächlich wurden damit Schulden des Bruderstaates bei der DDR getilgt.

„Ich hab dich gefunden“

Dieses Foto aus dem Jahr 2017 hat Fatima von ihrem Vater Antonio bekommen. Foto: privat

Fatima telefoniert heute fast jede Woche mit ihrem Vater. Aus seiner Zeit in Eisleben spricht er noch ein wenig Deutsch. Seine Tochter hat er um ein Grammatikbuch gebeten, dass sie ihm in diesem Jahr persönlich vorbeibringen will. Wann genau, weiß Fatima noch nicht. „Ich habe über 30 Jahre darauf gewartet, auf ein paar Monate kommt es jetzt nicht mehr an.“ Vielleicht gehe sie naiv an die Sache heran, ziemlich sicher sogar, sagt sie. Andererseits: „Was soll schon schief gehen?“ Zwischen sich und ihrem Vater erkennt sie schon Gemeinsamkeiten, den Humor zum Beispiel. Ihre Tante hatte ihn früher immer mit der Einstellung „Kommste heut nicht, kommste morgen“ beschrieben. Stimmt, sagt Fatima heute.

Frances hingegen hat gemischte Gefühle. Sie freut sich über ihre Geschwister, die sie gern treffen möchte, aber die Kommunikation ist schwierig. Denn Frances spricht kein Portugiesisch und keine*r der drei Englisch. Also übersetzen sie ihre Nachrichten mit dem Google Translator. „Manchmal kommt echt Käse raus“, sagt Frances, „aber im Großen und Ganzen führen wir ein Gespräch.“ Einerseits möchte sie ihren Angehörigen in Mosambik helfen, andererseits fragt sie sich, welche Rolle sie für sie spielt. Als der tropische Wirbelsturm Idai im März dieses Jahres über die Hafenstadt Beira hinwegfegte, in der ihr jüngster Bruder zu dem Zeitpunkt lebte, schickte sie Geld, um ihn in Sicherheit zu bringen. Seither kamen immer mal wieder Bitten um Geld, zum Beispiel für die Reparatur am Dach, durch das der Regen hereintropft. Frances hat selbst nicht viel, aber aus mosambikanischer Perspektive wirke das natürlich anders. Sie fühlt sich im Zwiespalt.

Irgendwann möchte sie trotzdem nach Mosambik fliegen. In ihre Heimat, wie sie sagt. Um das Grab ihres Vaters zu besuchen und um sagen zu können: „Ich hab dich gefunden.“


ze.tt erzählt Geschichten über Ostdeutschland – abseits von Stasi und Neonazis. Mehr dazu findest du auf unserer Themenseite.

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