„Jerks“: Sind Klischees über behinderte Menschen witzig?

In der Comedyserie Jerks treten Menschen mit Behinderungen auf. Oft sind sie Opfer und ihre Darstellung ist stereotyp. Das soll lustig sein? Ein Kommentar

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Witze bleiben nicht nur den Männern vorbehalten, sondern auch den Nicht-Behinderten. Foto: Andre Kowalski / Maxdome/ProSieben

Marie, eine junge Frau mit künstlichem Darmausgang, wird auf einer Gartenparty von Christian mit in den Pool gerissen. Sie ruft: „Nein, Nein, NEIN“. Aber vergeblich, sie landet im Pool. Um sie herum bildet sich eine braune Wolke. In Sekundenschnelle verbreitet sich ihr Kot im Wasser.

Das ist eine Szene aus der Serie Jerks, deren Protagonisten die Freunde Christian (Christian Ulmen) und Fahri (Fahri Yardim) sind. In Jerks treten einige Figuren mit Behinderung auf – die erste in der Folge Braindead: Muriel landet aufgrund eines Unfalls im Rollstuhl, unfähig zu sprechen und sich zu bewegen. Von ihrem Freund Jakob wollte sie sich vor ihrem Unfall eigentlich trennen. Dieser nutzt ihre Behinderung nun aber aus. Er vergewaltigt sie und heiratet sie ohne ihre Zustimmung, bevor sie durch die Fahrlässigkeit von Christian und Fahri zu Tode kommt. Auch der Aktivist Raúl Krauthausen tritt in Jerks auf, als Drehbuchautor Raul. Die Berliner Schauspielerin Jennifer Lau, die mit dem Downsyndrom lebt, spielt die Mutter von Jojo, dem neuen Freund von Christians Exfrau.

Die Darstellung aller vier Figuren mit Behinderung ist stereotyp. Das zeigt der sogenannte Tyrion-Test, der die Darstellung von Charakteren mit Behinderung untersucht. Der Tyrion-Test geht nach drei Fragen vor: Ist die Rolle durch mehr als ihre Behinderung definiert und hat Einfluss auf die Handlung? Ist die Behinderung realistisch dargestellt – weder verharmlosend noch tragischer als im echten Leben? Wird die Rolle mit Behinderung hilfebedürftig gezeigt oder ist sie auch Helfer*in für andere Figuren?

Alle Figuren fallen im Tyrion-Test durch

Alle Figuren mit Behinderung fallen im Tyrion-Test durch. Alle vier sind fast ausschließlich durch ihre Behinderung definiert: Bei Muriel geht es vor allem um ihre Hilflosigkeit und Abhängigkeit auf Grund ihrer Behinderung. Die Storyline von Marie dreht sich um ihren künstlichen Darmausgang. Bei Raul geht es am Ende hauptsächlich um seine kleinen Füße. Und an der Figur von Jojos Mutter scheint nur die Tatsache zu interessieren, dass sie mit Trisomie 21 eben Mutter ist. Die behinderten Figuren in Jerks haben keinen aktiven Einfluss auf die Handlung. Meist sind sie Opfer. Allen voran Muriel.

Auch Maries Geschichte ist die eines Opfers: Sie wird von Christian angelogen, er habe auch einen künstlichen Darmausgang. Als sie dann mit Christian inmitten ihres Kots im Pool steht, sagt sie zu ihm: „Das ist vielleicht dein Katheter.“ Christian muss zugeben: „Ich hab keinen Katheter. Ich hab dich angelogen.“ Marie beginnt zu schluchzen und verlässt gedemütigt den Pool. Selbst Raul, der im verbalen Schlagabtausch mit Fahri noch Vorurteile zerschmettert, wird in seiner Rolle am Ende zum Opfer, wenn Christian ihn ausnutzt und einen Fußabdruck von ihm nimmt – Raul aber noch nicht einmal weiß, wofür.

Die Figuren mit Behinderung sind auf die Hilfe der anderen Figuren angewiesen. Raul zum Beispiel könnte sein Drehbuch nicht ohne die Hilfe von Anna Maria Mühe realisieren. So zumindest stellt sie es dar, wenn sie ihn in einer Szene ihren Kolleg*innen am Set vorstellt: „Das ist Raul. Raul ist nur ein Meter groß. Raul ist behindert. Er schreibt Drehbücher. Aber weil er so behindert ist, wird das in Deutschland einfach nicht verfilmt. Und ich habe mich bereit erklärt, Rauls Drehbuch zu produzieren und darin mitzuspielen.“ Sie beschreibt Raul voller Mitleid als den armen, bedürftigen Behinderten und sich selbst als couragierte Helferin. Das Narrativ ist: Nicht-Behinderte*r rettet Behinderte*n.

Reproduktion von Klischees

Die Serie gibt vor, mit Klischees zu spielen. Aber tut sie das wirklich? Der Serie gelingt in den Szenen, die die Behinderung thematisieren, nicht, was ihr in vielen anderen Szenen sehr wohl gelingt: dass der Witz auf Christian und Fahri zurückfällt. Jerks bedient die Klischees über Menschen mit Behinderung, ohne sie überraschend zu brechen. Zu der ungebrochen klischeehaften Darstellung aller Figuren mit Behinderungen kommen die vielen Szenen, in denen Christian und Fahri sich über Behinderungen lustig machen. Zum Beispiel, wenn sie über Raul spotten: „Er sieht aus wie so eine Schildkröte.“ Oder über Jojo, dessen Mutter Trisomie 21 hat: „Er hat schon so ein bisschen was Mongoloides um die Augen.“

Gleichzeitig fällt Jerks durch den inflationären und unreflektierten Gebrauch der Wörter Spast und Spasti auf: Christian sagt zu seiner Affäre Jasna: „Du bist ein Spasti. Du bist ein Gefühlsspasti.“ Pheline, Fahris Freundin, sagt: „Fahri nennt mich auch Spast.“ Oder Simone, Christians und Fahris Agentin, lästert: „Wayne Carpendale ist ein Vollspast.“ Um nur einige Beispiele zu nennen. Spasti als Schimpfwort zu gebrauchen, diskriminiert Menschen, die eine Spastik haben: Ihre Behinderung wird so mit negativen Charaktereigenschaften gleichgesetzt.

Das Privileg des Witzes liegt bei den Nicht-Behinderten

Diese Dialoge werden genauso wenig gebrochen wie die klischeehafte Darstellung der behinderten Figuren. Ulmens Ziel, dass „wir über diesen irrlichternden, unbeholfenen Umgang aller anderen mit dem Thema Behinderung“ lachen und nicht über die Behinderung, wie er bei krauthausen.tv erzählt, löst sich nicht ein.

Das Sexismusproblem der Serie hat taz-Redakteurin Carolina Schwarz bereits 2017 benannt: „(…) egal wie schlecht die Männer (Christian und Fahri) wegkommen, die Frauen stehen noch schlechter da. (…) Witze bleiben den Männern (Christian und Fahri) vorbehalten.“ Witze bleiben nicht nur den Männern vorbehalten, sondern auch den Nicht-Behinderten. Das Privileg des Witzes liegt beim nicht-behinderten Mann. Die Witze werden immer aus der Perspektive der Jerks gemacht. Ich kann nicht mitlachen und finde den Umgang der Serie Jerks mit Behinderung unreflektiert und behindertenfeindlich.

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