Mutterkörper: Fuck you, After-Baby-Body!

Auf Instagram werden Mutterkörper gefeiert, die schon kurz nach der Geburt aussehen, als hätten sie gar kein Kind bekommen. Zum Glück gibt es einen Gegentrend. Ein Kommentar

„Wenn Cellulite und Speckrollen bei Babys süß sind, dann sind sie es auch bei mir.“ Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte Texte nicht gelesen und Bilder nicht gesehen. Beides trifft auf den Inhalt eines Tweets der Autorin Anja Rützel zu. „In etwa zwei bis drei Tagen werde ich Instagram anzünden, vielleicht auch das ganze Internet“ schrieb sie bei Twitter und zeigte dazu einen Instagram-Fund. Ein Bild von Reality-TV-Teilnehmerin Sophia Vegas, die auf einem Foto ihren Po zeigt und dazu schreibt: „Keine Ausreden an uns Frauen. Wer Babys bekommen kann, hat auch die nötige Disziplin sich richtig zu ernähren und sich wieder in Form zu bringen.“ Uff.

Mal abgesehen davon, dass der Körper von Vegas nicht ausschließlich Produkt von Sport, Disziplin und Ernährung ist – neben einer Brustvergrößerung und Nasenkorrekturen ließ sie sich auch zwei Rippen entfernen – ist das auf so vielen Ebenen besorgniserregend. Doch was bei Vegas auf die Spitze getrieben erscheint, zeigt einen gesellschaftlichen Druck, der nicht nur Z-Promis zu Operationen und fragwürdigen Instagram-Posts veranlasst.

Mütter sind ein Markt, den der Kapitalismus selbstverständlich bereits entdeckt hat. Mütter sollen am besten direkt kurz nach der Geburt ihres Kindes so aussehen, als hätten sie kein Kind bekommen. Es gibt Fitnessworkshops, die sich MILF-Maker nennen und Operationen für Mütter. Zum Beispiel Vaginalstraffungen nach der Geburt, „um die eigene Ehe zu retten“. Autsch.

„Mit dem neoliberalen Zeitalter und der Marktwirtschaft, die sich auf Geschlechterrollen und Klischees stürzt, werden Mütter als Zielgruppe neu erschlossen. Die Körper von Frauen verändern sich durch Schwangerschaften und die Schönheitsindustrie macht Geld mit den körperlichen Unsicherheiten der Frauen“, sagt Autorin Katja Grach, die sich mit Körperbildern von Müttern für ihr Buch Die MILF-Mädchenrechnung auseinandergesetzt hat. Dabei stellte Grach immer wieder fest: „Das Einzige, das überall verhandelt wird, ist, wie Frauen für Männer sexuell attraktiv sein können. Als ob Eltern keine anderen Sorgen hätten.“

Diese angeblichen Sorgen beschäftigen nicht nur Celebrity-Mütter. Neulich auf dem Spielplatz sagte die Mutter eines circa Zweijährigen zu ihrem Kind: „Wir müssen jetzt gehen, Mama muss zum Sport. Damit ich die Kilos, die ich deinetwegen drauf habe, wieder runterbekomme.“ Was solche Aussagen mit dem Körperbild von Kindern machen, lass ich an dieser Stelle umkommentiert.

Stattdessen versuche ich, mit der Auswahl der Mutterkörper, die mich umgeben, ein Gegengewicht zum unrealistischen Schönheitsideal zu schaffen. Offline wie online. Auf Instagram folge ich Müttern, die sich nicht über ihren After-Baby-Body definieren. Sondern eher Müttern, die allein bei diesem Begriff kotzen wollen. Fuck you, After-Baby-Body! Hallo, Körper. Hallo Körper, der zeigt, dass er lebt.

So zeigt Linda ihren „After-Baby-Bauch“ am Strand von Grömitz, Josefine ihren in Paris und schreibt dazu: „Jedes Mal, wenn ich Frauen sehe, die ihre Schwangerschafts- oder Dehnungsstreifen nicht verstecken, seien sie an Bauch, Beinen oder sonst wo, denke ich mir: Yasss, Girl! Und darum haben meine Streifen heute Ausgang.“

Auf dem Instagram-Account @takebackpostpartum sind „Variations of normal“ zu sehen. Dicke Mütter, dünne Mütter, Schwangerschaftsstreifen, Speckrollen, dicke Bäuche, dünne Bäuche – und auch mal eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Klo. Gründerin des Accounts ist January Harshe, Mutter von sechs Kindern. „Wenn Cellulite und Speckrollen bei Babys süß sind, dann sind sie es auch bei mir“, schreibt sie selbstbewusst zu ihren Fotos.

Unter den Postings gibt es viele Kommentare, die zeigen, dass diese Fotos für Empowerment bei den Leserinnen sorgen. Ob die Accounts eine große oder kleine Followerzahl haben, ist dabei unerheblich. Dass Körper mit einer Selbstverständlichkeit gezeigt werden, ist entscheidend. Dass Menschen ihre Körper zeigen, wie sie sind, ist entscheidend. Unabhängig davon, ob diese Körper in die normierten Schönheitsideale passen oder nicht. Und gerade, wenn sie es nicht tun. Damit sich langfristig, vielleicht, diese Schönheitsideale der Realität anpassen.

Eine, die ihren Körper selbstverständlich zeigt, damit Geld verdient und auch Mutter ist, ist Tess Holiday. Sie arbeitet als Model, initiierte den #EffYourBeautyStandards („Verfluche deine Schönheitsideale“) und zeigt täglich bei Instagram, dass Selbstbewusstsein unabhängig von Kleidergrößen existiert.

Wie wichtig sie als Vorbild ist, zeigte eine Kommentatorin, die Holliday in ihren Instagram-Storys repostete: „Sie hat so hart gegen starre Schönheitsideale gekämpft und damit mein Leben verändert. Verändert, wie ich über meinen eigenen Körper denke und damit dafür gesorgt, dass ich psychisch gesund bleibe. Das ist ein riesengroßes Geschenk.“ Tess Holiday schrieb dazu: „Deshalb mache ich das.“

Die Bilder, die wir täglich sehen, beeinflussen uns. Auch, wie wir uns selbst sehen. January Harshe schreibt: „Wenn ich Bilder von anderen Frauen sehe und sie und ihre individuellen Körper lieben und bewundern kann, dann kann ich auch meinen liebevoll anschauen und bewundern. Und du kannst das auch.“

Vielleicht müssen wir nicht das Internet anzünden. Vielleicht müssen wir einfach nur den Leuten folgen, die uns gut tun.

 


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