Rechter Terror: Sind Männer das Problem?

Es sind rechte Männer, die Terroranschläge verüben. Kein Wunder, sagen die Politikwissenschaftlerinnen Judith Götz und Eike Sanders. Männliche Gewalt ist Teil unserer Gesellschaft. Ein Interview

"Männlichkeit wird nicht erst zum Problem, wenn sie diese Brutalität annimmt. Männliche Gewalt fängt viel früher an." Foto: Markus Spike / Unsplash

Der Täter aus Halle leugnet den Holocaust, gibt „den Juden“ die Schuld für alle Probleme und bezeichnet „den Feminismus“ als Grund für niedrige Geburtenraten im Westen, die zu vermeintlicher Massenmigration geführt hätten. Mit diesem Gedankengerüst führt er fort, was andere rechtsextremistische Attentäter vorgemacht haben. Doch die männliche Gewalt, die zu tödlicher Gewalt werden kann, beginnt schon viel früher, sagen die Politikwissenschaftlerinnen Judith Götz und Eike Sanders.

Judith Götz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit. Eike Sanders ist Mitarbeiterin des Antifaschistischen Pressearchivs und des Bildungszentrum Berlin apabiz e.V., wo sie zentral zum Thema extreme Rechte und Gender forscht, publiziert und Bildungsarbeit durchführt. Beide sind Mitglied im Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Gemeinsam haben sie das Buch Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt geschrieben.

ze.tt: Frau Götz, Christchurch, El Paso, Halle. Immer sind es rechte Männer, die Terroranschläge verüben. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, mit der Sie auch Ihr Buch beginnen: Sind Männer das Problem?

Judith Götz: Man kann schon sagen, dass die Terroranschläge der vergangenen Jahre und Jahrzehnte stark etwas mit Männern und bestimmten Ausformungen von Männlichkeit zu tun haben. Ein zentrales verbindendes Moment der Anschläge ist, dass die Gewalt in einem Zusammenhang mit Geschlecht steht. Es geht dabei um Männlichkeitsvorstellungen.

Welche sind das?

Judith Götz: Die Täter haben Verschwörungstheorien. Die einen sprechen vom „großen Austausch“, ein ähnliches Narrativ findet sich auch bei dem Täter in Halle wieder. Die Gesellschaft sei bedroht durch Migration. Und wir erleben ein zweites Narrativ: dass der Feminismus die Gesellschaft von innen bedrohen würde, durch den Rückgang von Geburtenraten, durch die Auflösung von patriarchalen Geschlechterordnungen. Von daher würde ich sagen, ja, Männer sind das Problem – vor allem jene Männer, die dafür sorgen, dass die patriarchale Gesellschaftsordnung aufrecht erhalten wird.

Welche Männer sind das?

Judith Götz: Es handelt sich dabei um Männer, die an einen Maskulinismus appellieren. Frauen werden dabei als Opfer konstruiert und Männer als Beschützer, die den imaginierten Untergang aufhalten können, indem sie sich zur Wehr setzen. In diesem paranoiden Wahn scheint dann oft jedes Mittel recht. In ihrer Vorstellung hat der Krieg längst begonnen. Diese Weltsicht appelliert insbesondere an Männer.

Frau Sanders, ist diese Weltsicht neu, oder gibt es sie schon immer?

Eike Sanders: Die Figur, dass der Mann berufen ist, die Frau und damit den Volkskörper zu beschützen, ist alt. Neu ist, dass der Feminismus und Gender-Theorien und die Auflösung der Geschlechterordnung, die als „natürlich“ apostrophiert wird, als Feindbild explizit in den ansonsten sehr dünnen Manifesten der Attentäter auftaucht.

An welchem Punkt aber kippt die Debatte um Feminismus und Männlichkeit, an welchem Punkt wird Männlichkeit toxisch – und sogar mörderisch?

Judith Götz: Eine Gefahr ist, dass man sich jetzt zu stark auf diese rechtsterroristischen Anschläge fokussiert. Männlichkeit wird nicht erst zum Problem, wenn sie diese Brutalität annimmt. Männliche Gewalt fängt viel früher an. In der Gesellschaft, in der wir leben, sind Menschen ganz umfassend von verbaler und struktureller Gewalt betroffen. Da ist es gefährlich, nur auf diesen Kipp-Punkt zu achten, weil die gesellschaftliche Normalität auch schon eine gewaltvolle ist. Wir leben in einer Gesellschaft, die ganz stark auf Diskriminierung, auf Ausschluss, auf Benachteiligung ausgelegt ist. Es wird ein gesellschaftliches System verfolgt, das Männer mit bestimmten Privilegien ausstattet. Wenn man dem Problem auf den Grund gehen will, muss man sich die Ursprünge anschauen, nicht erst die mörderische Gewalt.

Männlichkeit wird nicht erst zum Problem, wenn sie diese Brutalität annimmt. Männliche Gewalt fängt viel früher an.

Judith Götz

Wo liegen diese Ursprünge?

Eike Sanders: Das ist die Grundstruktur einer patriarchalen Gesellschaft. Antifeminismus ist eine Ideologie, die darin tief verankert ist. Alle Menschen, die in dieser Gesellschaft sozialisiert werden, lernen das schon in der Kindheit. Es gibt so etwas wie eine antifeministische Normalität mit vielen Facetten. So wird Kindern von klein auf beigebracht, dass es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gäbe, dass Jungs nicht weinen dürften, stark sein müssten, keine Gefühle zeigen, während Mädchen Fürsorglichkeit beigebracht wird, sie sich um andere, insbesondere auch Männer kümmern müssten. Wenn sie sich nicht diesen normativen Geschlechterrollen unterordnen, wird ihnen Egoismus vorgeworfen oder sie werden bestraft, beispielsweise durch häusliche Gewalt.

Was ist Antifeminismus?

Unter Antifeminismus werden soziale Bewegungen oder gesellschaftliche, politische, religiöse und akademische Strömungen verstanden, die sich organisiert gegen Feminismus wenden. Antifeminismus richtet sich gegen feministische Anliegen, wie beispielsweise die Beseitigung von Sexismus, die Umsetzung von Gleichberechtigung oder die Stärkung weiblicher Selbstbestimmung.

Antifeminismus richtet sich gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, gegen Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung, gegen die Auflösung vermeintlich traditioneller Familien, gegen Erziehung zu einer selbstbestimmten Sexualität und gegen eine diverse Gesellschaft mit vielfältigen Lebensentwürfen von Frauen, Männern, allen, die sich weder als Mann oder Frau verstehen und Familien.

Quelle: Amadeu Antonio Stiftung

Warum passt für die Täter der Antifeminismus so gut zu Rassismus und Antisemitismus?

Eike Sanders: Wir beobachten in den vergangenen Jahren, dass in der extremen Rechten das Thema Gender und Familienpolitik sehr viel stärker in den Vordergrund gerückt wurde. Da wird gesagt, es sei jetzt doch mal genug mit dem Feminismus, in westeuropäischen Gesellschaften sei Gleichberechtigung erreicht. Das ist ein Punkt, an dem sich viele nach rechts radikalisieren. Antifeminismus wird in der Breite der Gesellschaft diskutiert und dadurch legitimisiert. Einerseits gibt es einen tief verwurzelten Frauenhass und Hass gegen queere Menschen. In den verschwörungsideologischen Narrativen kommt das dann zusammen mit Rassismus und Antisemitismus. Das Narrativ ist, dass der Feminismus dazu beiträgt, eine multikulturelle Gesellschaft zu ermöglichen, die aus rassistischen Gründen abgelehnt wird.

Judith Götz: Antifeminismus hat für die extreme Rechte auch viele Vorteile. Unter dieser Klammer kommen viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zusammen. Diese kommen auch aus der Mitte der Gesellschaft, sie verteidigen die Dichotomie der Geschlechterordnung. Viele Menschen erleben das als Orientierung und Beruhigung. Alles andere wird als bedrohlich wahrgenommen. Antifeminismus hat dadurch eine Brückenfunktion zwischen der Mitte und Rechts. Ein weiterer Vorteil, den die extreme Rechte im Antifeminismus erkannt hat, ist, dass es nicht mehr so leicht ist, offen rassistische Bevölkerungspolitiken einzufordern im Mainstream-Diskurs. Im Hinblick auf Feminismus existieren nicht die Tabus, die wir im Rassismus haben.

Wenn antifeministische Männer das Problem sind, wie sieht die Lösung aus?

Judith Götz: Feminismus ist ein Projekt, von dem nicht nur Frauen und queere Menschen profitieren, sondern von dem auch Menschen profitieren, die sich selbst als Männer identifizieren. Beim Feminismus geht es um ein gutes Leben für alle. Eine Gesellschaft, in der alle die gleichen Chancen auf Partizipation haben sollten. Dass Männer damit oft ein Problem haben, liegt daran, dass einige von ihnen gewisse Privilegien abgeben müssten. Das wollen nicht alle freiwillig tun. Grundsätzlich ist Feminismus auch ein gutes Projekt für Männer. Sie müssten dann keine Arschlöcher mehr sein, sondern könnten nette, solidarische Menschen werden.

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