Sarah ist mit Hartz IV aufgewachsen und wird nun als Erste in ihrer Familie studieren

Die 18-jährige Sarah-Lee Heinrich kennt Armut seit ihrer Kindheit. Wir haben nach ihrer ersten Uniwoche mit ihr gesprochen. Sie sagt: Anstrengen allein reicht nicht.

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"Hartz IV ist der größte Scheiß", sagt Sarah. Foto: Privat

In einer gerechten Gesellschaft, in der jede*r die gleichen Chancen hat, wäre Sarah keine Ausnahme. Aber in unserer Gesellschaft ist sie es. Weil sie als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und Hartz-IV-Empfängerin aufs Gymnasium gegangen ist, weil sie das Abitur mit der Abschlussnote 1,2 abgeschlossen hat und weil sie in diesen Tagen ihre ersten Seminare und Vorlesungen an der Uni besucht. Für die zwei Millionen Kinder und Jugendliche, die in Deutschland in Familien mit Hartz IV aufwachsen, ist all das nicht selbstverständlich. „Statistisch bin ich nicht vorhanden“, sagt Sarah. Eine Studie der Deutschen Hochschul- und Wissenschaftsforschung unterscheidet lediglich nach Bildungsgrad der Eltern: Von 100 Kindern aus Akademiker*innenfamilien studieren statistisch 79, bei Nicht-Akadamiker*innenfamilien sind es 27.

Vor einem Jahr, ein Jahr vor ihrem Schulabschluss, ist Sarah mit einem Tweet bekannt geworden. Darin schrieb die heute 18-Jährige: „Hartz IV ist der größte Scheiß“ Warum? Weil Kinder von Hartz-IV-Empfänger*innen nicht mehr als 100 Euro im Monat verdienen dürfen. Sie könnten, doch alles, was über diesem Betrag liegt, wird zu 80 Prozent abgezogen. Bei einem 450-Euro-Nebenjob wären Sarah am Ende 170 Euro geblieben. Sie und ihre Mutter bilden eine sogenannte Bedarfsgemeinschaft, deshalb werden die Einkünfte der Tochter mit dem Hartz-IV-Satz der Mutter verrechnet.

Was das für Sarah bedeutet? „Führerschein machen? Sicher nicht, bevor du ausgezogen bist. Du kannst ja nicht darauf sparen.“ Oder: „Deine Freunde fahren in den Urlaub, vielleicht sogar als Abschlussfahrt? Kannst du knicken.“ Sarah könnte viele weitere Beispiele nennen. Kindern, die in Armut aufwuchsen – und für die das schon schlimm genug sei –, nehme man so auch noch die Möglichkeit, sich selbst daraus zu befreien.

Bei Armut geht es immer auch um Scham

Im Oktober beginnt Sarah trotz allem ihr Studium an der Uni Bonn, Politikwissenschaft mit Philosophie im Nebenfach. Von der liberalen Erzählung, man könne alles schaffen, wenn man sich nur hart genug anstrengt, hält sie nichts. Dafür will sie auch nicht als gutes Beispiel herhalten. Sie sagt: „Es geht nicht darum, dass es nicht möglich ist, es zu schaffen. Es geht darum, dass es nicht fair ist, wenn der eine durchrennt und der andere erst über drei Mauern klettern muss. Wir müssen klarmachen, wie Chancen verteilt sind und gucken, wo wir diese Hürden abbauen können.“ Sarah nennt ihre Position privilegiert, weil sie gut durch die Schule gekommen ist. Sie will aber auch für die streiten, die an den Hürden gescheitert sind. Die, denen die Lehrer*innen nicht empfohlen haben, aufs Gymnasium zu gehen, obwohl sie gut genug gewesen wären und dann auf Gesamt- oder Hauptschulen sitzen blieben. Die, denen von Anfang an signalisiert wurde, dass sie nicht gut genug wären.

Es geht nicht darum, dass es nicht möglich ist, es zu schaffen. Es geht darum, dass es nicht fair ist, wenn der eine durchrennt und der andere erst über drei Mauern klettern muss.

Sarah

Sarah hat nicht immer so offen darüber gesprochen, wie sie aufgewachsen ist. Unterschiede zwischen sich und anderen Kindern hat sie zum ersten Mal in der fünften Klasse bemerkt, als sie von der Grundschule auf ein Gymnasium wechselte. „Dort gab es viele wohlhabende Kinder, die damit angegeben haben, wie viel Geld ihre Eltern verdienen und sich lustig gemacht haben über die, die bei C&A einkaufen. Nicht alle waren so, aber die, die so waren, waren laut. Mir hat das sehr viel Angst gemacht.“ Niemand sollte herausfinden, dass sie und ihre Mutter wenig Geld haben. Bei Armut spiele Scham eine große Rolle. Mit ihrer Mutter gab es oft Streit. Sarah wollte mehr Taschengeld, wollte sich ihre Kleidung selbst kaufen. „Da war Wut. Als Fünftklässlerin wusste ich nicht, dass dahinter ein politisches System steht. Die ersten, die ich für schuldig erklären konnte, waren meine Mutter und ich selbst. Das belastet eine Beziehung.“ Schuld seien in der öffentlichen Darstellung meist die Betroffenen selbst, so Sarah. Heute wisse sie, dass das nicht stimmt. Befreiend, diese Erkenntnis, sagt sie.

Was sollten Politiker*innen gegen Kinderarmut tun?

Zwei zentrale Dinge müssten sich aus Sarahs Sicht ändern. Das Eine ist die Schule. Kinder nach der vierten Klasse zu sortieren, findet Sarah falsch. Es verfestige Ungerechtigkeiten nur. Wer von zu Hause nicht die Unterstützung bekomme, die er oder sie braucht, müsste diese in der Schule bekommen. Oft gehe es aber auch einfach um Geld – und damit um Teilhabe. Vieles berechne kein Hartz-IV-Satz mit ein. Zum Beispiel Geld für einen Umzug, für erste eigene Möbel, für die Kaution einer Wohnung oder eines WG-Zimmers, für Uni-Bücher. Oder auch einfach für Musikunterricht, Pizza, Kino. „Bei Chancengleichheit geht es nicht darum, dass alle Zugang zur Uni bekommen. Sondern darum, dass Kinder sich ausprobieren können und dieselben Chancen haben“, sagt Sarah. „Wenn ein Kind mit Existenzängsten aufwächst, dann wird es kein glückliches Kind – und auch kein erfolgreiches.“

Zuschüsse für Klassenfahrten oder Mitgliedsbeiträge im Sportverein, genau das soll das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket für einkommensschwache Familien fördern. Ein aktueller Bericht des Paritätischen Wohlfahrtverbandes zeigt aber: Das Geld kommt bei vielen nicht an. Weniger als 15 Prozent der bedürftigen Schüler*innen unter 15 Jahren profitierten davon. Viele Anträge würden nicht bewilligt, die Verfahren für eben diese Anträge werden schon seit Langem als zu kompliziert kritisiert. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, nennt das Gesetz „Murks“, auch das im Juli in Kraft getretene sogenannte Starke-Familien-Gesetz löst für ihn das Problem nicht. Damit wurden unter anderem die Hilfen für Schulmaterialien von 100 auf 150 Euro und für Vereinsbeiträge von zehn auf 15 Euro pro Monat erhöht. Der Verband fordert stattdessen eine Kindergrundsicherung, die sich an Bedarf und Einkommen orientiert.

Sarah ist die Erste in ihrer Familie, die studiert

In Sarahs Fall ist ihre Patentante eingesprungen. Die wollte ihr eigentlich den Führerschein bezahlen, daraus sind nun Umzug und Erstausstattung geworden. Die 18-Jährige wollte unbedingt nach Köln ziehen – auch wenn ihre Familie Bochum realistischer, weil günstiger, fand. „Ich hatte einfach die Schnauze voll. Ich wollte nicht, dass die Verhältnisse, aus denen ich komme, darüber entscheiden, wo ich hinziehe.“ Also fiel die Entscheidung am Ende auf Köln. „Ich weiß nicht, wie viele Nächte ich panisch war, weil ich nicht wusste, ob nun alles klappt oder ich zu Hause bleiben muss. Dann wäre der Kreislauf weitergegangen.“ Mittlerweile hat Sarah eine günstige, kleine Wohnung gefunden. Ihr Studium wird sie über ein Stipendium finanzieren.

Wenn ein Kind mit Existenzängsten aufwächst, dann wird es kein glückliches Kind – und auch kein erfolgreiches.

Die Einführungswoche an der Uni in Bonn hat sie schon hinter sich. Ein bisschen einschüchternd sei das gewesen, aber auch ein schönes Gefühl, im Hörsaal zu sitzen und zu wissen: Jetzt geht es wirklich los. Wenn man die erste Person in der Familie sein kann, die studiert, lasse man sich das nicht entgehen, sagt Sarah. Ihre Mutter sei immer unglaublich stolz auf die guten Noten ihrer Tochter gewesen. Sarah hat sich für ein Studium der Politikwissenschaften und Philosophie entschieden, weil sie die Verhältnisse, in denen wir leben, verändern will. Verhältnisse, in denen sie die Ausnahme ist. Da seien Sozialwissenschaften sinniger als Physik.

Denselben Tatendrang fordert Sarah auch von Politiker*innen: „Ich höre mir nun schon so lange an, man tue, was man kann. Aber da muss mehr gehen. Wir können doch zu den jungen Menschen nicht sagen: ‚Tut mir leid, dass du keine Perspektive hast, aber mehr ging nicht.'“

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