SPD-Jugendkandidatin: „Ich geb den Nazis von der AfD nicht die Hand“

Vor wenigen Monaten ging Sophie Koch noch gegen ein Gesetz auf die Straße, für das die SPD im sächsischen Landtag stimmte. Jetzt kandidiert die 26-Jährige selbst für die Partei. Wie passt das zusammen?

Ein Freitag im August, zwölf Uhr: Draußen bäckt die Sonne den Dresdner Asphalt. Drinnen schwitzt ein Blech Muffins in der Backofenhitze. Die nächste Fuhre ist bereits in Arbeit. Konzentriert füllt Sophie Koch Schokoteig in die Muffinförmchen. „Wenn es die einzige Möglichkeit ist, eine AfD-CDU-Regierung zu verhindern, dann bin ich dafür, dass SPD und Grüne mit der CDU regieren. Auch, wenn es wehtut“, sagt sie, während sie mit einem Löffel den Teig portioniert.

Sophie Koch ist 26 Jahre alt und kandidiert bei der sächsischen Landtagswahl für die SPD. Am 1. September wählt die Bevölkerung ein neues Parlament. Die fast fertig studierte Politikwissenschaftlerin steht auf Platz 15 der Landesliste. Zwölf Prozent bräuchten die sächsischen Sozialdemokrat*innen, damit Sophie ein Mandat über die Liste erhält. Laut Meinungsumfragen könnte das knapp werden: Nur neun Prozent prognostiziert die aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen.

Sophie ist Vorsitzende der Dresdner Jusos. Und wie viele Jungsozialist*innen trägt sie einen politischen Konflikt mit sich herum: Sie ist Mitglied einer Partei, deren Politik sie oft nicht gut findet. Für ze.tt schrieb Sophie 2017 einen Gastkommentar, in dem sie gegen eine Fortführung der Großen Koalition auf Bundesebene argumentierte. Vieles von dem, was insbesondere die SPD auf Bundesebene mitträgt, bereitet ihr Bauchschmerzen, zuletzt etwa wegen der Verschärfungen des Asylgesetzes. Auch auf Landesebene ist sie nicht immer einverstanden mit den SPD-Parlamentarier*innen. Im Mai stimmten die sächsischen Sozialdemokrat*innen zusammen mit der CDU für eine Verschärfung des Polizeigesetzes. Sophie demonstrierte gegen die Verschärfung, sprach sich öffentlich dagegen aus.

Und jetzt, nur wenige Monate nach dieser Abstimmung, möchte Sophie selbst für die SPD in den Landtag einziehen. Wie passt das zusammen?

Der Konflikt zwischen SPD-Ideen und SPD-Realpolitik

„Als das Polizeigesetz verabschiedet wurde, war ich so richtig sauer auf die Partei“, sagte Sophie beim Muffinbacken in ihrer Küche. „Aber an einen Austritt habe ich noch nie wirklich gedacht. Ich würde dann austreten, wenn ich das Gefühl habe, auch als Juso diese Partei nicht mehr verändern zu können. Ich glaube, dass wir gerade mit neuen Gesichtern einiges wieder hinkriegen können.“ Deshalb kandidiere sie auch. „Meckern allein reicht nicht“, steht als Motto auf ihrer Homepage.

Sophies Wahlprogramm ist das der sächsischen Jusos. Das deckt sich weitgehend mit dem der SPD. Kleine Abweichungen gibt es beispielsweise beim Datum für den Kohleausstieg: Die Jusos und Sophie Koch fordern, acht Jahre früher auszusteigen als die Mutterpartei, die den Kohleausstieg für 2038 fordert. Sie will außerdem den sächsischen Verfassungsschutz in seiner jetzigen Form abschaffen, was die SPD ebenfalls nicht fordert. Als Jugendkandidatin wird ihr dieser Freiraum von der Partei zugestanden. Der Hauptkonflikt besteht nicht zwischen SPD- und Juso-Wahlprogrammen. Der Konflikt besteht zwischen diesem Wahlprogramm und den Kompromissen, welche die SPD sowohl im Bund als auch auf Landesebene mit ihrem Koalitionspartner CDU eingeht. Zum Beispiel beim sächsischen Polizeigesetz. Zum Beispiel bei den Asylrechtsverschärfungen im Bund.

Sophie will, dass diese Kompromisse, die ihrer Meinung nach gegen SPD-Werte verstoßen, aufhören. Sie wirbt zwar für eine rot-rot-grüne Koalition, steht aber auch hinter einer erneuten Zusammenarbeit mit der CDU. Das sei kein Widerspruch, denn anders als auf Bundesebene ginge es in Sachsen darum, eine Regierungsbeteiligung der AfD zu verhindern, findet Sophie. „Wenn wir mitregieren und etwas aushandeln, das ganz klar gegen meine und gegen Juso-Linie ist, werd ich nicht zustimmen. Mag sein, dass mir das intern Stress bringt, aber dann ist das halt so“, sagt Sophie. Politiker*innen sind in den Abstimmungen im Parlament nur ihrem Gewissen verpflichtet. Doch natürlich werden Politiker*innen, die sich immer wieder gegen die eigene Partei stemmen, irgendwann isoliert.

Sophie weiß auch, dass Realpolitik immer Kompromisse bedeutet. Wichtig sei aber, dass der Kompromiss einen Mehrwert enthalte. Als Beispiel nennt sie die Verbeamtung von Lehrer*innen – da sei die sächsische SPD dagegen gewesen. Die Partei habe dann aber doch eingelenkt, weil sie im Gegenzug höhere Löhne und Stundenreduzierungen durchsetzen konnte. Das sei ein guter Deal gewesen, findet Sophie. Dass alle Politiker*innen im Wahlkampf versprechen würden, keine faulen Kompromisse einzugehen, ist Sophie klar. „Im Grunde geht es um einen Vertrauensvorschuss, den mir die Leute geben müssen“, sagt sie. Um für dieses Vertrauen zu werben, reist sie durch das ganze Bundesland. Egal wo sie hingeht, immer wieder begegnet ihr der Konflikt, den sie auch selbst mit sich austrägt: Sympathie für die SPD-Inhalte, Unzufriedenheit über die SPD-Realpolitik.

Wie sieht der Wahlkampf einer Jugendkandidatin aus?

Die Muffins, die Sophie trotz 30 Grad Außentemperatur bäckt, sind für Samstagfrüh: Sie will in ihren Wahlbezirk, Werbung machen. Freitagabend muss sie noch zu einer U-18-Wahlparty. Mit dem Auto geht es nach Radebeul bei Dresden. Im Jugendzentrum sollen junge Menschen spielerisch an Politik herangeführt werden. Eine Wahl wird simuliert, Jugendliche können Wahlzettel in einen Karton werfen. Politiker*innen der großen Parteien sind vor Ort. Von den anwesenden Jugendlichen dürfen die wenigsten bereits wählen. Für Sophie ist es dennoch wichtig, hier zu sein. Sie möchte jungen Menschen im Parlament ein Stimme geben. Noch lieber würde sie den Jugendlichen ermöglichen, selbst mitzugestalten, indem das Wahlalter auf 14 Jahre runtergesetzt wird.

„Das Schwierige an solchen Veranstaltungen ist es, die richtigen Worte zu verwenden“, sagt Sophie. Einerseits wolle sie so sprechen, dass die Jugendlichen sie verstehen, andererseits auch nicht den Eindruck erwecken, sie nicht ernst zu nehmen. Zwischen Grillstand, Bierbänken und Beachvolleyballplatz müssen sich die Politiker*innen den Fragen der Jugendlichen stellen. Der 16-jährige Paul stellt eine Frage an Sophie: Es geht um flächendeckendes mobiles Internet, das in Sachsen alles andere als flächendeckend ist. „Wie kann das umgesetzt werden?“, will Paul wissen. Sophie kennt das Problem.

Sie ist im Vogtland aufgewachsen, ihre Familie und viele Freund*innen wohnen noch dort. „Kannste knicken, dass du im Zug dahin Verbindung hast“, erzählt sie. Bei ihrer besten Freundin könne man bis heute kein WLAN einrichten. Es sei Aufgabe des Staates, mehr Geld in die Infrastruktur zu stecken, es brauche mehr Fördergelder und den Landkreisen müsse man in den Arsch treten. Sachsen für junge Menschen attraktiv zu machen, ist Sophies wichtigstes Anliegen. Und zwar sowohl für die, die auf dem Dorf wohnen, als auch für die Städter*innen. Sie will, dass Studis und Azubis ihre WG-Zimmer bezahlen können. Dass junge Menschen auch ohne Auto von A nach B kommen. Dass Bus- und Bahnverbindungen ausgebaut werden. Dass es einen Mindestlohn für Auszubildende gibt.

Rund um die kleine Bühne, auf der Sophie vom Internet im Vogtland berichtet, versammelt sich etwa ein Dutzend Jugendlicher. Christian ist einer davon. Er hat die Wahlparty zusammen mit dem Kreisjugendring auf die Beine gestellt. Ein paar Wochen zuvor traf er die Familienministerin Franziska Giffey auf einer Veranstaltung, die fand er aber nicht gut. „Die konnte Fragen nicht direkt beantworten“, erzählt der 16-Jährige. An Sophie findet er gut, dass sie klare Sätze formulieren könne. „Die redet mit uns wie mit normalen Menschen.“ Bei der simulierten Landtagswahl hat er trotzdem nicht die SPD gewählt. Mit Landespolitik hätte er sich zwar nicht so viel beschäftigt, sagt Christian, aber er sei unzufrieden mit der Performance von CDU und SPD im Bund. „Ich vertraue deren Wahlversprechen nicht“, sagt er. Das Dilemma der SPD als CDU-Koalitionspartner: Es ist bereits bei denen angekommen, die noch zu jung zum Wählen sind.

„Alerta und Kuss, Mama“

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Der Wahlkampfstand vor dem Stauseebad Cossebaude. Foto: Fabian Catoni

Am Samstag fährt Sophie morgens in ihren Wahlkreis im Westen Dresdens. Von zehn bis zwölf Uhr möchte sie ihr Wahlprogramm und Muffins vor dem Stauseebad Cossebaude verteilen. Zwei bayerische Jusos begleiten sie. Sie sind extra angereist, um Sophie beim Wahlkampf zu unterstützen. Einer von ihnen ist der 26-jährige Seppi Parzinger, stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos: „Ich kenne wenige, die so klar und konsequent in ihrer Meinung sind wie sie“, sagt er über Sophie. Er glaubt daran, dass sie ihre Klarheit und Konsequenz auch als Parlamentsmitglied einer Regierungspartei beibehalten können wird.

Statt an ihren Wahlkampfständen Flyer zu verteilen, die sowieso im nächsten Mülleimer landen, hat sich Sophie zusammen mit den Jusos etwas überlegt: Sophies Kochbuch. Bietet sich ja an, bei dem Nachnamen. Darin enthalten sind sowohl tatsächliche Rezepte für Kuchen, Pancakes oder Kräuterbutter, aber auch, wie sie es nennt, politische Rezepte. Zum Beispiel für bezahlbaren Wohnraum oder eine Verkehrswende für Sachsen.

Auf der Straße vor dem Stauseebad staut sich der Verkehr. Metalmusik dröhnt aus dem geöffneten Autofenster. Ältere Menschen mit Strandliegen unterm Arm hetzen vorbei. „Den kannst du wegreißen, deinen Schweinestand“, pöbelt ein Mann im Vorbeigehen. Sophies Wahlkreis ist divers. Einerseits gibt es Orte wie Löbtau, der als ruhiger und grüner gilt als die angrenzende Neustadt, das Dresdner Kneipenviertel. Immer mehr junge Familien zieht es hier her. Andererseits gibt es das Plattenbauviertel Gorbitz, in dem viele sozial Abgehängte wohnen. Bei der Stadtratswahl im Mai 2019 wurde die AfD stärkste Kraft, dicht gefolgt von CDU, Grünen und Linken. Die SPD folgte mit großem Abstand auf Platz fünf.

Sophie ist überzeugte Antifaschistin, Politiker*innen der AfD bezeichnet sie schon mal als Nazis. Trotzdem redet sie auch mit offensichtlichen AfD-Wähler*innen, auf die sie in ihrem Wahlkampf immer wieder trifft: „Alle Gespräche, die nicht mit einer Beleidigung oder einer rassistischen Äußerung anfangen, nehme ich an.“ Sophie hält es für äußerst unwahrscheinlich, das Direktmandat zu ergattern: „Dafür müsste man polarisieren, wie es die AfD tut, oder sich über Jahre Präsenz erarbeiten.“ Sie setzt auf die Liste. Bedeutet: weniger Wahlkampf in ihrem Wahlkreis, mehr Wahlkampf bei ihrer Zielgruppe, jungen Wähler*innen im ganzen Bundesland, sowohl in urbanen als auch in ländlicheren Gegenden. Dabei setzt sie auf das Internet: Sie ist auf Instagram, Twitter und YouTube unterwegs, dokumentiert ihren Wahlkampf in Storys und veröffentlicht zehnminütige Videos, in denen sie ihre Meinung sagt.

Politisiert haben Sophie ihre Eltern, die ihr vorgelebt haben, dass Zuschauen nicht reiche, dass man sich für Gerechtigkeit einsetzen, solidarisch mit Mitmenschen sein müsse. Ihre Mutter schreibe ihr immer noch regelmäßig entschuldigende Nachrichten, wenn sie nicht zu einer Gegen-Rechts-Demo kommen könne. „Alerta und Kuss, Mama“, steht unter der letzten. Eine Anti-Rechts-Demo ist auch der nächste Programmpunkt in Sophies Kalender: die #Unteilbar-Demo in der Dresdner Altstadt.

Wie die Große Koalition den Wahlkampf belastet

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Auf der Demo. Foto: Fabian Catoni

Unweit des Lautsprecherwagens der SPD steht Anna. Die 28-Jährige kommt aus Pirna, wo sie inzwischen jedoch nicht mehr wohnt. Gemeldet ist sie aber noch in Sachsen. „Mir ist es wichtig, hier zu wählen“, sagt sie. Einerseits möchte sie in ihrer Heimat mitbestimmen, andererseits möchte sie dadurch verhindern, dass die AfD noch mehr Stimmen bekommt. Eigentlich passt Anna voll in das Wahlbeuteschema von Sophie. Aber Anna wählt nicht die SPD. Grund dafür ist die Große Koalition im Bund. „Den Groko-Parteien geht es nur darum, an der Macht zu sein, nicht darum, etwas zu bewegen“, sagt sie.

Die Große Koalition im Bund schade dem sächsischen SPD-Wahlkampf massiv, sagt Sophie. Immer wieder höre sie, dass Menschen sie persönlich zwar gut fänden, aber aufgrund der Verfehlungen auf Bundesebene nicht SPD wählen könnten. Sophie hält eine Rede auf dem Wagen der Initiative Aufstehen gegen Rassismus. „Ich geb den Nazis der AfD nicht die Hand“, sagt sie da unter Beifall. Sie wurde von den Aktivist*innen eingeladen, zu sprechen. Sophie gilt als eine von ihnen. Man nimmt ihr, die noch nie Regierungsverantwortung tragen musste, das Engagement gegen rechts und für eine linkere Politik ab. Der SPD jedoch nicht. „Liebe Grüße an CDU und SPD mit ihrer Abschottungspolitik“, sagt eine Sprecherin der Initiative Nationalismus ist keine Alternative bei der Abschlusskundgebung auf der Bühne. „Danke für Nichts!“

Es gibt sie, die jungen Menschen, die für eine Erneuerung der SPD kämpfen

Die SPD weiß um die Unzufriedenheit vieler SPD-Wähler*innen und Mitglieder. Nicht umsonst beschloss die Partei nach der Bundestagswahl, sich selbst erneuern zu wollen. Bislang hat sich nichts erneuert. Die SPD-Führung besteht seit Jahren aus denselben Politiker*innen. Der bekannteste Politiker, der sich für den SPD-Parteivorsitz bewirbt, ist ausgerechnet Olaf Scholz, der seit 2001 Mitglied des Parteivorstands ist. Neben dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert fallen einem kaum SPD-Politiker*innen ein, die für einen Wandel stehen. Doch es gibt sie. Junge Menschen, die an die Ideale der Partei glauben. Die die Partei verändern wollen. Die noch nicht aus Frust ausgetreten sind. Eine von ihnen ist Sophie Koch. Ob sie es dann wirklich anders machen wird als die erfahrenen SPD-Politiker*innen, bleibt abzuwarten.

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