So schön ist Yoga mit Alpakas

Unsere Autorin ließ sich beim Alpaka-Yoga in Kärnten die Seele streicheln und hat sich in die Tiere verliebt.

Sonnenstrahlen bedecken mein Gesicht, während ich die frische Luft tief in meine Lunge sauge. Meine Beine sind gekreuzt, die Handflächen vor meiner Brust aneinander gedrückt. Die Augen geschlossen. Ich versuche in das erste Asana – ruhende Körperstellung – zu finden. Nebenbei bemühe ich mich, mein Herz zu öffnen, wie es im Yoga oft heißt, und abzuschalten. Doch plötzlich ertönt ein dumpfer Seufzer hinter mir. Ein Stöhnen, Muhen oder Grunzen. Kurz denke ich, dass sich meine Freundin wohl beim Yoga gerade so richtig fallen lässt. Doch dann stupst mich etwas Feuchtes an. Ein flauschiges Etwas reibt sich an meinen Füßen. Und mir wird wieder klar, wo ich bin.

Ich drehe meinen Kopf in Richtung des vermeintlichen Flauschs und öffne meine Augen einen Spalt. Schwarze, freche Augen blicken mir entgegen. Ein wuscheliger Kopf, von dem weiße Haare und spitze Ohren abstehen, mit großer Knubbelnase und winzigem Maul, atmet ganz nahe an meinem Gesicht. Casanova sieht aus wie ein besonders niedlich geratenes Schaf. Ich greife in die Papiertüte neben meiner Matte und halte ihm eine Apfelspalte hin. Er schleckt über meine Hand, lässt sich währenddessen kurz am Hals kraulen. Dann läuft er zwei Matten weiter und wiederholt die Show bei der nächsten Person.

Alpakas sind die besseren Einhörner

Für die Alpakas am Wörthersee im österreichischen Kärnten bedeuten die Yoga-Einheiten vor allem: Essen. Dafür akzeptieren sie es, gestreichelt zu werden, und legen ihre natürliche Scheu etwas ab. Alpakas gehören zur Familie der Kamele und stammen ursprünglich aus den südamerikanischen Anden. In Peru leben über drei Millionen der Tiere. Sie werden überwiegend für ihre besondere Wolle gezüchtet. Seit einigen Jahren werden die Tiere auch in Europa gehalten. Wegen ihres flauschigen Aussehens und ihrer putzigen Gesichter entwickelte sich ein regelrechter Alpaka-Hype. Vielleicht weil es so aussieht, als würden sie immer lächeln.

Das jüngste Fohlen im Stall versteckt sich hinten rechts am Bild. Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

In Deutschland sollen um die 20.000 Alpakas leben. Österreich sei im Trend etwas hinterher, sagt Philipp Wohlgemuth, zu dessen Stall auch Casanova gehört und auf dessen Rasen an diesem Samstagmorgen im September das Alpaka-Yoga stattfindet. Um die 3.000 Tiere, schätzt er, gebe es wohl in Österreich: „Der große Alpaka-Boom begann vor zwei Jahren.“ Seine Frau und er besitzen 22 Hektar Land und züchteten zunächst Schafe auf ihren Wiesen. Doch die Tiere zu halten, war extrem aufwendig, erklärt der Kärntner: „Schafe kann man nicht alleine lassen. Wir konnten nicht mal mehr in den Urlaub fahren.“ Da die beiden nicht Vollzeit in der Landwirtschaft arbeiteten, passten die Schafe also nicht zu ihrem Leben.

Uns hat das Alpaka-Fieber gepackt.

Philipp Wohlgemuth

Im März 2015 holten sie sich dann vier Alpakas auf den Hof: Celilo, Nakimana, PeeGee und Petronella. Wenige Monate später erblickten zwei Fohlen das Licht der Welt. Er nannte sie Rambo und Hercules. „Uns hat das Alpaka-Fieber gepackt“, schwärmt der Hofbesitzer. Alpakas seien nicht nur unfassbar putzig, sondern eben auch unfassbar praktisch: Ihr Immunsystem sei sehr robust, die Kosten für medizinische Versorgung dementsprechend gering, sie seien ziemlich sauber, geruchslos, verhielten sich leise und überfräßen sich nicht.

Besitzer Philipp Wohlgemuth zusammen mit seinen Alpakas. Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Nach dem Alpaka-Fieber kam das Geschäftsmodell. Mittlerweile bietet der Hof neben Yoga-Einheiten auch Alpaka-Wanderungen für Singles, Alpaka-Wandern zum Teambuilding, als Familienfeier oder zum Poltern an. Im Winter stehen Glühweinwanderungen an. „Da geht mir niemand trocken nach Hause“, sagt Wohlgemuth und meint damit den Glühwein und nicht die Nässe durch den Schnee. Aus der Wolle der Alpaka werden Socken, Mützen und Stirnbänder gestrickt; außerdem lässt sich aus den Proteinen, die im Fell enthalten sind, palmölfreie Naturseife herstellen. Und wer die Tiere auf seiner Hochzeit haben möchte, kann sogar das buchen. Ein weißes Alpaka mit Schleier und ein schwarzes Alpaka mit Fliege schreiten dann mit zum Traualtar.

Meet and feed

Mittlerweile leben 30 Alpakas auf dem Hof am Techelsberg beim Wörthersee. Seit einigen Tagen gibt es wieder Zuwachs. Ein weißes Fohlen läuft holprig über die Wiese. Es quietscht vergnügt. Nachdem es sich bestaunen lässt, läuft es den Hang hinab. Dabei zeigen die Hufe in unterschiedliche Richtungen, ein etwas unbeholfener Bremsversuch. Dicht am Zaun wartet derweil ein kleines, braunes Alpaka, das aussieht wie ein unproportionaler Bär. Sein braunes Fell ist viel länger und dichter als das der anderen.

Nach dem Winter wird den Tieren jedes Jahr das 20 Zentimeter lange Fell geschoren. „Bei dem kleinen Braunbär hier spiele ich selbst ein paar Mal im Jahr Friseur und schneide rund um sein Gesicht, damit er noch was sieht, weil das Fell so stark wächst“, erklärt Philipp Wohlgemuth und streichelt ihm die Haare aus dem Gesicht. Der Freizeitbauer spricht von „Hängstle“ und „Stutale“, und würden dazwischen nicht Wörter wie „Produktion“ oder „Verkauf“ fallen, würde man denken, er spricht von seiner Familie.

Hier leben die Alpakas an einem Hang am Techelsberg. Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Während er darüber philosophiert, dass Alpakas im Gegensatz zu Lamas nicht spucken, bereitet ein schneeweißes Alpaka namens Amigo hinter ihm seinen großen Auftritt vor. Und zack, schon landet sein Mageninhalt auf der Schulter des Alpaka-Bauern. Tja. Alpakas würden zwar keine Menschen anspucken, aber untereinander würden sie damit durchaus schon mal Konflikte um die Rangordnung klären, erläutert Wohlgemuth. Amigo sei ein besonders liebes und anhängliches Fohlen gewesen: „Er war wie ein Schoßhund und wollte immer bei uns sein.“ So wurde der kleine Amigo viel gestreichelt und verhätschelt. Auch die Liebe hielt die Pubertät nicht auf. Mittlerweile sieht Amigo seinen Besitzer als seinesgleichen und will mit ihm die Rangordnung klären. Heute quälen Wohlgemuth deshalb Selbstzweifel: „Er war so lieb, wann hat man schon die Möglichkeit, mit einem Alpaka zu kuscheln? Aber das hätten wir nicht machen dürfen.“ Amigo spuckt weiter in die Richtung seines Ziehvaters, während dieser über Erziehung und Pubertät spricht. Er ist heute der Zickigste von allen, aber auch das beste Alpaka im Stall. Denn Amigos Fellqualität kann niemand toppen. Seinem Wert scheint er sich bewusst zu sein, spuckt noch einmal herzhaft aus und galoppiert davon.

Streichelzoo für Erwachsene

Menschen umgeben sich gerne mit Alpakas. Sie sollen helfen abzuschalten und Stress zu reduzieren. Alpakas werden nicht umsonst schon jetzt in Therapien eingesetzt. „Es geht in erster Linie um die Wirkung der Alpakas auf den Menschen und nur in zweiter Linie um das Yoga“, sagt die Yoga-Trainerin Nicola zur Begrüßung der Yoga-Stunde.

Es geht in erster Linie um die Wirkung der Alpakas auf den Menschen und nur in zweiter Linie um das Yoga.

Nicola

Wer einfach mal Alpakas streicheln will, wird allerdings enttäuscht. Alpakas sind keine Kuschel-, sondern Fluchttiere. Darum bietet sich gerade Yoga mit seinen langsamen Bewegungen und in der Kombination mit Futter an, um mit den Tieren wenigstens ein bisschen auf Kuschelkurs zu kommen. Dabei gibt es allerdings Regeln: Niemals an den Füßen, am Hintern oder am Kopf berühren und keine hektischen Bewegungen machen.

Und so entwickelt sich auch die Yoga-Einheit immer wieder in einen Streichelzoo für Erwachsene. Während der 75 Minuten Yoga suchen die Alpakas zwischen den Yogis nach Leckerlis. Sie schnüffeln, fressen und grunzen – und sind ganz schön neugierig und frech. Während ich in der Vorwärtsbeuge sitze und verzweifelt versuche, meine Zehen zu fassen, schleckt Casanova einfach darüber.

Die Zehen unserer Autorin waren besonderns interessant für das Alpaka. Foto: Eva Reisinger / Bearbeitung Elif Kücük

Alpaka Way of Life

In manchen Yogaklassen werden dicke Muskeln und tolle Outfits vorgeführt, doch hier blicke ich nur in das belustigt-verdutzte Gesicht eines Alpakas. Es wird nebensächlich, ob ich meine Zehen fassen kann, im Schulterstand umfalle oder mich im herabschauenden Hund nicht entspannen kann. Die Alpakas zeigen mir, wie Entspannung geht. Denn diese Tiere bringt nichts aus der Ruhe. Passt ihnen etwas nicht, gehen sie. Bei Wanderungen traben sie wahnsinnig langsam und nur Wege, die sie kennen. Alpakas sind also auch in mentaler Hinsicht absolute Vorbilder.

Und als in der Endentspannung die sanfte Stimme von Alexia Chellun zu The Power Is Here Now erklingt, sinke ich immer tiefer in die Matte. Neben mir grunzt Casanova freudig, und ich bin diesen Tieren endgültig verfallen. So schwebe ich für einige Minuten im Alpaka-Flow: Das Leben ist wunderschön, alles Friede, Freude – und dann wieder ein lautes Grunzen neben meinem Kopf – oder war das ein Rülpser?


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