Survival-Camp: Ich habe mit einem Prepper das Überleben geübt

Blackout, Krieg oder Atomkatastrophe – Prepper bereiten sich auf alle möglichen Horrorszenarien vor. Unsere Autorin lernte im Survival-Camp die nötigen Skills.

Die Lichter gehen aus. Heizkörper kühlen ab. Der Kühlschrank hört auf zu Surren. Der Ofen heizt nicht mehr. Aus dem Wasserhahn fließt kein Tropfen mehr – genauso bei der Toilettenspülung und der Dusche. Draußen heult eine Sirene. Die Geschäfte sind längst geschlossen. Der Treibstoff ist aus. Blackout. Umweltkatastrophe. Meteoriteneinschlag. Atomkrieg. Ein militärischer Angriff. Oder alles zusammen. Die Welt geht unter.

Dass eine dieser Dystopien in den kommenden Jahren eintreten wird, davon sind die sogenannten Prepper überzeugt. Darum preparen – also bereiten – sie sich auf alle möglichen Horrorszenarien vor. In Deutschland sind es zwischen 10.000 und 180.000 Menschen, die sich für den sogenannten Tag X rüsten. In den USA bezeichnen sich zwischen drei bis vier Millionen selbst als Prepper.

Prepper: Wenn alles zusammenbricht, sind sie bereit

Was genau am Tag X passieren könnte, dazu gehen die Untergangsszenarien auseinander. Für die meisten Prepper steht aber ohnehin die Vorbereitung im Vordergrund. Wenn alles zusammenbricht, dann sind sie bereit: Sie lagern Lebensmittel, bauen Bunker und trainieren das Überleben im Felde. Die Ideologien unterscheiden sich stark. Einige sind ehemalige Soldat*innen, manche bewegen sich in rechtsextremen Kreisen, wieder anderen geht es um die Rückbesinnung zur Natur. Prepper – irgendwo zwischen Yogis, Nazis, Waffenfans und Naturliebhaber*innen.

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„Tatsächlich ist es so, dass wir in den vergangenen Jahren des Öfteren an einem Blackout vorbeigeschrammt sind“, so Mollay. Foto: Christopher Glanzl

An einem warmen Sonntag im Oktober um elf Uhr vormittags begrüßt Martin Mollay uns im Suvival-Outfit: Dunkelgrüne Hose, Militärstiefel, das Österreich-Wappen auf dem Gürtel, dunkelgrünes Shirt. Für ihn ist Survival und Prepping nicht nur ein Training oder Hobby, sondern sein Alltag. Er arbeitet als Softwareentwickler und bietet als Selbstständiger Kurse an: Bunker-Retreat, Urlaub im Prepper-Hostel, Survivaltraining Level 1-3, Yoga und Selbstverteidigung. Er selbst lebt in einem autarken Haus am hügeligen Waldrand in Niederösterreich, mit Komposttoilette, Brunnen, Gartendusche und Bunker.

Schritt 1: Vorbereitung

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Ich testet den Survival-Gürtel. Foto: Christopher Glanzl

An einem Survival-Day Level 1 soll ich nun alles lernen, was ich im Ernstfall brauche. Wir beginnen mit dem ersten Schritt des Trainings: Vorbereitung. Wer überleben will, muss vorbereitet sein, sagt Mollay. „Tatsächlich ist es so, dass wir in den vergangenen Jahren des Öfteren an einem Blackout vorbeigeschrammt sind,“ meint er. Im Bunker steht alles für den Ernstfall bereit. Ein Gürtel mit Messer, Regenschutz, Wasserflasche und ein Fach für Krimskrams hängt griffbereit. Je nach Situation greift er zusätzlich noch nach dem kleinen oder – der Luxusversion – dem großen Rucksack.

„Wir gehen von der Lage aus, dass wir drei hier zusammen sind, der Strom ist ausgefallen. Die letzte Meldung, die durchgekommen ist, war, dass eine Flüchtlingswelle auf uns zurollt. Die Menschen haben Hunger und Durst und nehmen, was sie wollen“, sagt Mollay. Damit bedient er sich gleich zu Beginn an einem der rassistischen Horrorszenarien, die Rechte verbreiten, um ihre Hetze zu rechtfertigen. Damit sind wir bei der Verschwörungstheorie der Neuen Rechten angelangt: dem Bevölkerungsaustausch.

Wir gehen von der Lage aus, dass wir drei hier zusammen sind, der Strom ist ausgefallen.

Martin Mollay

Mollay erzählt von seinen Großeltern, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg hier im Wald vor den Truppen der US-Amerikaner*innen und Sowjets versteckt hätten. „Was einmal passiert, wird wieder passieren, nur in unterschiedlichen Formen“, ist er überzeugt.

Schritt 2: Orientierung

Auf der Flucht vor irgendwas zu sein, bedeute nicht einfach loszulaufen, sondern sich zuerst mal zu orientieren und zu planen. Bleiben wir im Szenario, so der Trainer. Zuerst einmal stellen wir uns alle vor und kommunizieren unsere Fähigkeiten. „Ich bin Martin, Survivaltrainer, seit 20 Jahren im Training, war früher beim Jagdkommando, meine Spezialität ist: Überleben im Felde.“ Weiter geht’s mit Christopher, Exsoldat, Fotograf und fährt gern Motorrad. Und Eva, Journalistin und Autorin, hat Balkonpflanzen und war schon mal wandern.

Nun muss ich herausfinden, wo die Himmelsrichtungen sind und wie ich eine Karte lese. Schon den Kompass einzustellen, fällt mir schwer. Als ich dann noch Millimeter in Meter umrechnen muss, scheitere ich endgültig. Mollay beruhigt mich: Jede*r habe seine Stärken und Schwächen in der Gruppe. Ich wäre im Ernstfall wohl nicht für die Orientierung zuständig. Lernen muss ich es trotzdem. Ich treffe eine Entscheidung für uns: Wir nehmen den kleinen Pfad den Wald hinauf.

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Einen Kompass richtig einzusetzen, ist gar nicht so einfach. Foto: Christopher Glanzl

Schritt 3: Ruhe bewahren

Egal, was passiert, das Wichtigste sei, Ruhe zu bewahren. Jede*r weiß das und trotzdem gelingt es in Ausnahmesituationen nie. Mollay ist überzeugt, auch das könne man üben. Er sagt Sätze wie: „In der Ruhe liegt die Kraft!“. Das Ziel nach dem Training sei, sich selbst davon zu überzeugen, dass Krisen passieren und man trotzdem ruhig bleiben könne. Survivaltraining sei eine Art Selbstfindungstool und würde unser Bewusstsein ganz in die Präsenz bringen, ist er sich sicher. Dabei könnten auch Yoga und Meditation helfen.

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„In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt Mollay immer wieder Foto: Christopher Glanzl

Schritt 4: Nahrung und Wasser

Wir stapfen durch den Wald, einen Hang hinauf. In unserem Fluchtgepäck ist keine Nahrung. Mir macht das Sorgen. Martin Mollay nicht. Denn Nahrung komme laut der 3er-Regel erst am Schluss. Diese Regel besagt alles, was mich umbringen könnte:

  • 3 Sekunden ohne Aufmerksamkeit
  • 3 Minuten ohne Sauerstoff
  • 3 Stunden unter extremen Bedingungen wie Kälte oder Wärme
  • 3 Tage ohne Wasser
  • 3 Wochen ohne Nahrung

Trotzdem zeigt er uns am Weg einige Dinge, die wir essen können, wie Giersch, dessen Blätter überraschend okay schmecken. Gekocht erinnere er sogar an Spinat – der niederösterreichische Mangold also. Auch Brennnessel empfiehlt er. Beim Pflücken fest zugreifen und zu einem Kügelchen rollen, schmeckt tatsächlich lecker. Auch Breitwegerich und Schafgarbe koste ich. Wirklich sättigen würden aber vor allem Wurzeln, die man ausgraben muss, so Mollay. Bei Pilzen werde die Suche schon schwieriger. Noch am sichersten seien Röhrenpilze.

Mollay lebt vegan, würde aber ein Tier töten, um zu überleben, wie er sagt. Doch es gibt kein Szenario, das ihm einfällt, in dem das nötig wäre. Denn er findet im Wald genug zu essen. Wichtiger als Nahrung ist Wasser. Zum Wassersammeln hat er neben seiner Flasche auch zwei Kondome in seinem Beutel. Die könne man wunderbar füllen und in einem Socken oder Tuch transportieren. Auch einen Löffel, ein Messer, einen Regenponcho, Draht, Tape, Nähzeug, Verbandszeug, Klinge, eine Tüte, 40 Euro und eine Nadel hat er immer mit dabei in seinem Gürtel. Das seien die Essentials des Survivals. Zudem noch einige Seile, die wir gleich brauchen werden.

Mit einer Flucht wegen rechtsextremer Verschwörungsszenarien hat all das nichts mehr zu tun. Mollay geht nicht mehr darauf ein, sondern schwärmt lieber von der Natur und Yoga.

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Ich kaue Giersch, Brennessel und Breitwegerich. Foto: Christopher Glanzl

Schritt 5: Knoten und Seile

Wer für den Tag X bereit sein will, muss einige Knoten beherrschen, ist sich Mollay sicher. Ich werfe ein, dass ich bisher in meinem Leben noch nie einen besonderen Knoten gebraucht hätte. „Angenommen dein Haus brennt, du kannst über das Treppenhaus nicht flüchten und musst dich abseilen, sonst wirst du an einer Rauchgasvergiftung sterben, noch bevor du verbrennst.“ Ich lenke ein, ja dann wäre es vermutlich gut. Wir binden unterschiedliche Knoten, bauen uns mit einem Seil einen Klettergurt und los geht’s. Ich blicke einen steilen Hang im Wald hinunter. Hier soll ich mich abseilen. „Und wie komm ich wieder rauf?“, frage ich. „Du kletterst“, sagt Mollay.

Ich knote meine Seile, hake meinen Karabiner ein und krabble wie eine sehr langsame Spinne im Rückwärtsgang nach unten. Die einzige Sicherung sind meine beiden Hände, die das Seil halten. Unten angekommen, ziehe ich mich mit Hilfe des Seils wieder nach oben.

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Wer für den Tag X bereit sein will, muss einige Knoten beherrschen, ist sich Mollay sicher. Foto: Christopher Glanzl

Schritt 6: Selbstverteidigung

Während ich mir beim Laufen im Wald gleich mal mit Dornen den Fuß aufschlitze, zählt für Mollay kämpfen und sich selbst zu verteidigen zu „ganz Normalem“.  Er vergleicht es mit erster Hilfe, das würde man ja auch ganz selbstverständlich lernen. Er selbst macht Jiu Jitsu, eine von den japanischen Samurai stammende Kampfkunst, Stockkampf und Messerabwehr. „Ich will nicht in der Angst leben, sondern in der Fülle. Aber wenn was ist, dann bin ich trotzdem bereit.“ Ich soll das nun auch werden. Männer seien triebgesteuerte Wesen und ich müsse als Frau besonders lernen, wie ich mich verteidige, sagt er.

Ich will nicht in der Angst leben, sondern in der Fülle. Aber wenn was ist, dann bin ich trotzdem bereit.

Martin Mollay

Alles beginne bei der Ausstrahlung. „Du bist nicht das Opfer, du schreitest auch zur Tat“, bläut er mir ein, egal was sei. Würde das Reh nicht vor dem Hund flüchten, sondern ihn anstarren, würde dieser nicht weiterwissen. Das sei auch beim Mensch so. Wir beginnen mit Stockkampf. Danach übe ich klassische Elemente wie Hodentritt und Augenquetschen. Ich lerne: Keine Gnade mit meinem Angreifer.

Martin Mollay sagt, dass er in Ruhe und Frieden leben will. Spricht er über Kämpfe und das Gewinnen, blitzen seine Augen aber auf. Erst kürzlich habe er in Barcelona tagelang ein Messertraining absolviert. Dann versuchte ihm jemand seinen Rucksack zu stehlen. Im Kampf habe es so ausgesehen, als würde der Dieb nach einem Messer greifen. Er habe sofort alles abgewehrt und der Typ sei geflüchtet. Hört man Mollay bei dieser Geschichte zu, scheint der Vorfall ihm eine lang ersehnte Bestätigung zu geben. Dass man all das, was er übt, draußen in der Welt braucht.

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„Du bist nicht das Opfer, du schreitest auch zur Tat”, so Mollay. Foto: Christopher Glanzl

Schritt 7: Unterkunft

Nachdem wir mehrmals geübt haben, wie ich auf eine Attacke reagiere, suchen wir den idealen Platz zum Schlafen. Ich scoute nach zwei Bäumen, in der passenden Himmelsrichtung. Der Grund dazwischen muss flach, weich und trocken sein. Dazu teste ich den Boden und wälze mich im Laub. Ich lerne den Regenponcho mit Gurten und Haken zu spannen, bis er ein dreieckiges Dach bildet. Dann krabble ich in meine Unterkunft, in der ich theoretisch schlafen würde. Es ist eng, aber warm. Zur Wärme könne man sich ein Teelicht anzünden – kein Scherz.

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Ich teste den Laubboden im Wald nach Gemütlichkeit. Foto: Christopher Glanzl

Schritt 8: Feuer

Um mehr Wärme zu schaffen, sollte ich auch wissen, wie man ein Feuer macht. Ich lerne, dass man mit fast allem ein Feuer machen kann: mit einem Feuerstein, einer Batterie, einer Lupe, durch Holz reiben. Aber auch Mollay hat immer ein Feuerzeug mit. Zum Anzünden würde sich die Watte von Tampons besonders eignen. Während er die Watte herausfädelt, schweift Mollay ab und beginnt zu schwadronieren, wie gefährlich Tampons wären. Frauen wären schon daran gestorben, das Blut müsse natürlich fließen, wie er meint. Mir fehlen an diesem Punkt die Worte.

Ich zähle bis drei, dein Leben hängt davon ab!

Martin Mollay

Ich versuche, Watte mit einer Lupe im Sonnenlicht zum Brennen zu bringen und unzählige Male mit einem Feuerstein ein Feuer zu entfachen. Es gelingt mir einfach nicht. „Ich zähle bis drei, dein Leben hängt davon ab“, sagt Mollay. Er schreit: „drei, zwei, eins“. Meine Watte ist immer noch trocken. Ich bin wohl die Anti-Daenerys.

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Ich trage ab jetzt immer ein Feuer bei mir, denn ich konnte den Feuerstein nicht entfachen. Foto: Christopher Glanzl

Die Sonne verschwindet langsam gegen 17 Uhr. Am Ende des Trainings scheitere ich am Öffnen der Tür des Bunkerraums, dessen Türklinke einfach nur andersrum eingebaut ist. Für Katastrophenszenarien wie einen Atomunfall brauche man einen Bunker, so Mollay. In einem Raum stehen Pritschen. In der Mitte ein Tisch. Kahle Wände. Im anderen Raum ein Metallschrank mit Lebensmitteln, Gasmasken und einem Geigerzähler. „Du musst erfassen, was um dich passiert. Darum ist es so wichtig, dass ich meinen Radar eingeschalten habe. Nicht weil ich so Panik vorm Leben habe, sondern weil ich offen bin.“

Die Bunkertrainings, die er Bunker-Retreats nennt, dauern drei Tage, kosten 380 Euro und sollen auf eine Krisensituation vorbereiten. Aber auch zeigen, was einem*einer im Leben im Weg steht, „ganz der zu sein, der du wirklich bist.“ Übrigens sei Bunkertraining nicht so platzangsterregend, wie es klingt, erzählt Mollay. „Ich hatte ein Training, nach dem Wochenende wollte niemand mehr raus. Weil es die ganzen Probleme, die wir draußen haben, im Bunker nicht gibt.“


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