Warum es so hart ist, eine toxische Beziehung zu beenden

Wenn die Liebe auf Dauer viel mehr wehtut als guttut, ist das ein Zeichen für eine toxische Beziehung. Warum dann nicht gehen? Leider ist das nicht so einfach.

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Aus einer toxischen Beziehung rauszukommen, fällt vielen nicht leicht. Foto: nicolasberlin/Photocase

Ihre Augen füllen sich mit Tränen: „Nicht umarmen, geht gleich wieder.“ Seit dreieinhalb Jahren führt meine Freundin A. eine toxische Beziehung. Eine, die mehr Schmerzen und Tränen mit sich bringt als Glück und Zufriedenheit. Eine, in der sie leidet. Und ihr Partner auch. Sie halten an einer unguten Dynamik fest und wiederholen den immer gleichen Kreislauf. Jetzt ist gerade wieder Trennungszeit. Dass es eine toxische Beziehung ist, ist ihr schon lange klar. „Aber wir lieben uns doch“, sagt sie, die Wimperntusche auf den Wangen.

So ähnlich geht es auch meiner Bekannten P. – ihr Freund hat sie betrogen, nicht zum ersten Mal. Sie hat es schon lange geahnt. Doch jetzt kann sie die Augen nicht mehr davor verschließen, denn sie hat ihn erwischt. Nach fast zehn Jahren ist es aus. Trotzdem sagt sie: „Wir lieben uns immer noch.“ Und auch ich hatte mal eine Zeit lang eine toxische Beziehung, die mich gequält hat mit diesem „Aber die Liebe ist doch da!“

Leider, leider ist aber auch noch so große Liebe nicht genug. Sie ist nur eine Komponente in einer Beziehung. Keine Frage: Ohne geht es nicht. Doch Liebe reißt eben nicht alles andere raus – nur, weil sie so stark ist. Unter anderem wegen ihr ist es verdammt schwer, eine toxische Beziehung zu beenden. Sie ist allerdings längst nicht der einzige Grund.

Die Sucht nach dem Moment

Ach, es könnte doch so schön sein. Dieses Festkrallen an den wenigen Augenblicken der Glückseligkeit. Es fehlt doch eigentlich gar nicht viel, das dauerhafte Glück scheint immer in greifbarer Nähe. Der eine zauberhafte Abend, das eine wunderbare Wochenende, das gemeinsame Singen auf der Straße. Doch sobald du wirklich danach fassen willst, flutscht es weg. Wie bei diesen Greifautomaten auf dem Jahrmarkt. Nur noch eine Münze, beim nächsten mal klappt es, ganz sicher. Oder? Hmmm … Nee.

Das „fast“ ist hierbei das Entscheidende. So lange auch nur eine winzige Chance besteht, ist das Weitermachen so verführerisch und vermeintlich logisch. Unbewusst kreierst du damit jedoch einen nie endenden Kreislauf. Nicht selten basierend auf prägenden Kindheitserfahrungen mit der hartnäckigen Hoffnung, dass es diesmal anders enden möge. Aber niemand kann auf Dauer beinahe glücklich sein und zwischen einzelnen Highlights durch tiefe Kummertäler kriechen. Das reicht einfach nicht. Du hast das Beste verdient, das Ganze. Nicht nur homöopathische Dosen Glück.

Einsam sterben?

Die Angst vor dem Alleinsein spielt eine große Rolle dabei, eine toxische Beziehung nicht zu beenden. In einer Studie von 2013 haben US-Wissenschaftler*innen Angst und Belohnung im Zusammenhang mit romantischen Beziehungen untersucht und herausgefunden: Diejenigen mit der größten Furcht vorm Single-Dasein waren am ehesten bereit, in unglücklichen Beziehungen auszuharren oder mit Leuten zusammen zu bleiben, die zweifelsohne nicht gut für sie waren.

Was, wenn das hier die beste, einzige, letzte Chance auf Liebe ist? Aber auch, wenn es sich nicht so anfühlt: Das ist Quatsch. Ich kenne Menschen, die mit Ende 60 geheiratet und andere, die sich mit 80 bis über beide Ohren in ihren Golflehrer verliebt haben. Außerdem: Hart realistisch betrachtet stirbt selbst bei der längsten Beziehung oder Ehe eine*r zuerst und der*die andere bleibt allein zurück. Und dass sich potenzielle Kinder im Alter um dich kümmern, ist auch nicht zwingend gesagt.

Davon abgesehen kann auch forever alone eine großartige Sache sein. Sich lossagen vom gesellschaftlichen Verpartnerungsdruck, vom gefühlten Scheitern und sich stattdessen auf sich, die eigenen Wünsche und Träume, das eigene emotionale Wachstum konzentrieren und mit sich selbst zufrieden und im Reinen sein. Wenn dann ein*e passende*r Partner*in vorbeikommt – hervorragend! Wenn nicht – hervorragend!

Lieber nichts als eine toxische Beziehung

Kompromisse gehören selbstverständlich zu jeder Beziehung, genau wie Probleme und vorüberziehende Tiefs. Doch auch hierbei geht es nur bis zu einem gewissen Schmerzpunkt und nicht weiter. Doch das ist die Natur von toxischen Beziehungen: Sie kommen immer wieder an den Schmerzpunkt zurück. Die Beteiligten triggern ungünstigste Verhaltensweisen ineinander, verhaken sich in einer zersetzenden Dynamik und kommen da oft ohne therapeutische Begleitung nicht mehr raus.

Und auch das gelingt nur, wenn beide Partner*innen ihre Dynamik erkennen und bereit sind, an der Beziehung und sich selbst zu arbeiten. Laut einer Meta-Studie von 2013 ist es jedoch häufig so, dass beide den*die jeweils andere*n als Ursache des Problems sehen.

Liebe allein reicht nicht

Beziehungen sind eine komplizierte Angelegenheit. Aber so groß und machtvoll das Gefühl der Liebe auch ist – Liebe allein macht nicht automatisch eine gute, stabile, glückliche Partnerschaft aus. Auch, wenn das natürlich wunderschön wäre. Du hast das Beste verdient – das, was du wirklich brauchst und was dir gut tut.

Wenn Kummer und Leid auf Dauer zu groß und langanhaltend sind und du eine toxische Beziehung führst, kann eine Trennung wie eine Erlösung sein und Raum machen für eine erfüllte Partnerschaft oder ein gutes Verhältnis zu dir selbst. Ganz wie Omi noch wusste: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

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