Was passierte, als ich aufhörte, mich zu schminken

Zwanzig Jahre lang dachte unsere Autorin, sie schminke sich, um sich besser zu fühlen. Erst als sie damit aufhörte, merkte sie, dass das gelogen war.

Erst fehlt das Make-up, schließlich fühlt sich das Leben ohne tausendmal besser an.

Erst fehlt das Make-up, schließlich fühlt sich das Leben ohne tausendmal besser an. Foto: Jonathan Bachmann

Es begann quasi aus Versehen. Eines Morgens nippte ich entspannt an meinem Kaffee, als mir plötzlich die Deadline für einen Text einfiel — die offensichtlich schon gestern verstrichen war. Jetzt zählte jede Sekunde! Wie eine Besessene raste ich also in mein Coworking-Büro, wo ich das Ding fertig machte. Aber keine Zeit für Erleichterung. Denn gleich im Anschluss an meine triumphale Abgabe ging es los. „Ist alles okay bei dir?“, fragte eine besorgte Kollegin. „Du siehst irgendwie krank aus.“ Zunächst hatte ich keine Ahnung, was sie meinte. Aber dann, beim Händewaschen nach dem Klo, sah ich es im Spiegel: Die Blässe einer Schwindsüchtigen. Kaum vorhandene Wimpern. Und Augenringe bis zum Kinn. Oha. Ich hatte heute Morgen also offensichtlich vor lauter Schreck etwas Obligatorisches vergessen: mich zu schminken.

Im Namen der Freiheit

Foundation, Rouge, Wimperntusche, Lippenstift. Seit ich fünfzehn war, machte ich das jeden Morgen. Oder spätestens eben, wenn ich vor die Haustür trat. Dass Mädchen ohne frischen Teint quasi unzumutbar waren, hatte mir erst die Bravo Girl, später dann die Cosmopolitan beigebracht. Okay, die las ich zwar schon lange nicht mehr, aber der Stachel saß halt tief. Und außerdem: Die anderen machten es doch auch. Sogar die, die angeblich einen Scheiß auf die Meinung anderer gaben, waren nicht so verwegen zu sagen: BÄM, hier habt ihr meine Fresse, wie sie ist. Nein, sie malten sich vollere Lippen und klebten sich längere Wimpern an, und sie taten es im Namen der Freiheit.

Tatsächlich ist es ein großes Glück, dass wir in Zeiten und Gefilden leben, in denen wir mit unserem Körper so ziemlich alles anstellen können, was wir wollen. Niemand deformiert uns mehr mit Korsetten, schreibt uns Kleiderlängen vor oder verbietet uns, Lippenstift zu tragen, weil das angeblich nur Prostituierte so machen. Männer dürfen sich anziehen wie Frauen, Frauen dürfen sich anziehen wie Männer, wir dürfen fett sein oder dünn, geschminkt und von oben bis unten rasiert oder kein bisschen. Alles unsere eigene Sache.

Angeblich jedenfalls. In der Realität nämlich ist das eine ganz andere Nummer. Denn wenn jemand doch mal ausschert, kommt kaum jemand darauf klar. Über die ungeschminkte Alicia Keys bei den VMAs zum Beispiel echauffierte sich vor zwei Jahren die halbe Welt. Und die, die sich nicht aufregten, nannten es mutig. Klar, die Weigerung, sich bei einem Event, bei dem man mit 23 Kilo Spachtelmasse pro Kopf kalkuliert, quasi nackig zu zeigen, erfordert schon ein wenig Selbstvertrauen. Schaut man sich aber die Köpfe an, für die all das Zeug gedacht ist, wird schnell klar: Man muss eine Frau sein, um diesen sogenannten Mut zu haben, sich ungeschminkt zu zeigen. Als Typ hat man den eh qua Geschlecht. Denn von einem Mann würde niemand den Einsatz einer Schminkpalette auch nur im Traum verlangen. Ganz im Gegenteil, die Leute würden ausflippen — so viel an dieser Stelle zu unserer krassen Freiheit.

„Ich tue es für mich“ war eine Lüge

Nun stand ich also auf dem Klo und blickte in mein Gesicht. Alicia Keys mochte sich das nackig sein leisten können. Ich hingegen sah einfach nur scheiße aus. Das sagten auch später die Gesichter auf dem Nachhauseweg und im Supermarkt. Oder besser formuliert: Sie sagten einfach gar nichts. War ich es sonst gewöhnt, männliche Blicke zu kreuzen, ihr Lächeln zu ernten, Aufmerksamkeit zu generieren, war mir jetzt, als trüge ich Harry Potters Tarnumhang. Niemand nahm mich wahr, während ich die Straße lang ging oder meine Einkäufe aufs Kassenband wuchtete. Ein Glück, dass wenigstens der Kassierer meine Sichtbarkeit bestätigte, indem er von mir Geld verlangte.

In Wirklichkeit fühlte ich mich nicht wohler, nur weil ich geschminkt war, sondern, weil ich mehr Anerkennung für mein Äußeres bekam. Ein Äußeres wohlgemerkt, das nicht mal meins war.

Mich zu schminken war immer eine Frage des Wohlbefindens gewesen. Ich hatte es für mich getan, damit ich mich besser fühlte. An diesem Tag verstand ich, dass das eine Lüge war, die ich mir selbst aufgetischt hatte. In Wirklichkeit fühlte ich mich nicht wohler, nur weil ich geschminkt war, sondern, weil ich mehr Anerkennung für mein Äußeres bekam. Ein Äußeres wohlgemerkt, das nicht mal meins war. Es gehörte vielleicht Chanel und Lancôme, aber ganz bestimmt nicht mir. Mein Gesicht war manchmal blass und müde, manchmal rot vor Aufregung, manchmal voll mit kleinen Pickeln. Das war ich. Und wenn ich dafür keine Anerkennung bekam, was sollte dann der ganze Scheiß überhaupt? An diesem Tag beschloss ich, mich nicht mehr zu schminken. Nicht für immer vielleicht, ich bin schließlich keine militante Make-up-Gegnerin, aber doch erst mal für zunächst.

In den ersten Tagen hörte ich es noch oft: „Bist du krank?“, „Kann ich was für dich tun?“, „Wird Zeit für Urlaub, oder?“ Bis auf vielleicht die Männer, die morgens neben mir aufwachten, kannte in meinem Umfeld niemand meine Blässe, meine Augenringe, meine Sommersprossen. Was man stattdessen kannte, war eine Maske, die so normal geworden war, dass das Echte nur noch krankhaft wirken konnte. Zumal sich die allermeisten Frauen um mich herum ganz selbstverständlich schminkten, die ersten grauen Haare wegfärbten und sonst was alles mit ihrem Körper anstellten, um angeblich gut auszusehen.

Warum macht ihr den ganzen Affentanz überhaupt mit?

Und das alles im Gegensatz zu den Männern, wohlgemerkt. Wenn wir Sexismus abschaffen wollen, dann kann es nicht angehen, dass für Männer und Frauen unterschiedliche Schönheitsnormen gelten. Es kann in einer Gesellschaft, die sich Gleichberechtigung auf die Fahne schreibt, nicht angehen, dass von den einen — dem angeblich schönen Geschlecht —, erwartet wird, dass es jegliche Zeichen seiner Vergänglichkeit (oder Unausgeschlafenheit) möglichst gut mit Schminke, Haarfarbe, Hyaluron und weiß der Teufel noch was in zeit- und geldaufwändigen Prozeduren kaschiert, während das andere eh mit dem Alter gewinnt oder eben in Ruhe Karriere macht.

Mit dieser These löste die Soziologin Barbara Kuchler vor einem Jahr einen unglaublichen Shitstorm aus. Selbst die von mir über alles geliebte Margarete Stokowski nahm diesen Text kürzlich in ihrer Kolumne auseinander. „Als sei eine besonders authentische Feministin nur eine, die sich nicht schminkt und am besten nicht häufiger wäscht als dringend zur Vermeidung schwerer Hautkrankheiten notwendig ist — abgesehen davon, dass es ausgerechnet im Zuge von Debatten um sexualisierte Gewalt um Himmels willen kein feministischer Zug ist, hauptsächlich von Frauen zu erwarten, dass sie ihr Verhalten ändern“, schreibt sie.

Damit hat sie zwar absolut recht, aber sie verfehlt ihr Ziel. Kuchler hat nie gefordert, Frauen sollten sich weniger aufdonnern, damit sie nicht vergewaltigt werden. Es geht nicht darum, dass sich niemand mehr schminken sollte. Oder dass eine Frau, die in allen Regenbogenfarben schillert, keine glaubwürdigen feministischen Statements abgeben kann. Kuchler stellt lediglich eine offensichtlich blasphemische Frage: Warum macht ihr den ganzen Affentanz überhaupt mit?

Sehgewohnheiten Ade

Wenn wir umgeben sind von Frauen, die ihr wahres, ungeschminktes Gesicht nicht zeigen, dann prägt das unsere Sehgewohnheiten. Und eben das, was wir als schön empfinden. In meinem Fall dauerte es etwa eine Woche, bis ich mich im Spiegel ansehen konnte, ohne in Gedanken panisch nach meinem Schminktäschchen zu kramen. Und nach zwei Wochen fühlte ich mich immerhin ganz okay aussehend. Geflirtet wurde zwar nach wie vor kaum noch mit mir, aber so langsam fand ich Gefallen daran, nicht gefällig zu sein. Meinen Wert eben nicht darüber zu messen, wie viele Männer mich flachlegen wollen oder wie viele Frauen mich anhimmeln.

Leicht war es trotzdem nicht. An dem Tag zu Beispiel, als ich, noch nicht bereit für die ungeschminkte Wahrheit im Internet, meinem Gesicht für einen Videodreh die volle Packung verpasste. „Du siehst aber heiß aus“, meinte mein Mann, als ich aus dem Bad kam. Er hatte nicht mal gemerkt, dass ich geschminkt war. Aber den eklatanten Unterschied zu sonst sah er sofort. Oder als mein Freund (keine Sorge, Ihr Übereifrigen, die beiden wissen von einander) sich wünschte, ich würde endlich mal wieder roten Lippenstift tragen, weil er das so erotisch findet. Solche Momente nagten an mir, sie machten es mir schwer, nicht gleich wieder damit anzufangen. „Du liebst mich nicht, wie ich bin!“, jaulte irgendetwas in mir, und es brauchte immer ein wenig Zeit, es wieder zu besänftigen.

Ich diskutierte mehr und lauter, kam schneller ins Gespräch mit Menschen und fühlte mich ganz grundsätzlich sicherer in mir selbst.

Gleichzeitig wuchs ein gewisses „Fuck you“ in mir heran. Ich diskutierte mehr und lauter, kam schneller ins Gespräch mit Menschen und fühlte mich ganz grundsätzlich sicherer in mir selbst. Ich war ich, bitte sehr, friss oder stirb. Und noch etwas geschah: Mein Mann, dem die Frauen früher gar nicht tussig genug sein konnten, erzählte mir, wie unattraktiv er inzwischen stark geschminkte Frauen fand. Ja, verdammt, jubelte ich, Sehgewohnheiten können tatsächlich verändert werden! Und solche Veränderungen brauchen kein Gejammer über ach so viele Generationen oder kleine Schritte, sondern einfach nur ein „Scheiß drauf, ich mach’s“.

Auch mein Blick auf die Frauen hat sich verändert. Er ist schärfer geworden, denn inzwischen sehe ich im Gegensatz zu früher auch jenseits der einschlägigen Instagram-Hashtags immer wieder Frauen im wahren Leben, die sich zeigen, wie sie sind. Die kurze Röcke zu unrasierten Beinen kombinieren, graue Locken graue Locken sein lassen und Falten, Rötungen und Tränensäcke nicht weiter beachten. Den meisten von ihnen geht es nicht um Body Positivity — sie scheren sich einfach nicht groß darum, weil sie besseres in ihrem Leben zu tun haben, als andere über ihr Äußeres zu bescheißen. An den meisten Tagen gehöre ich jetzt zu ihnen. Und wisst ihr was? Das fühlt sich verdammt großartig an.

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