Welche Eigenschaft entscheidet, ob jemand fremdgehen wird

Andere Leute attraktiv zu finden, ist auch für monogame Menschen normal. Doch ob jemand tatsächlich fremdgehen wird, liegt vor allem an einer Eigenschaft.

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Foto: Mia Harvey / Unsplash | CC0

Keine Ahnung, wie es dem Rest der Welt so geht, aber: Ich kenne nur wenige, die in längeren Beziehungen immer hundertprozentig treu waren – das bezieht sich auf alle Geschlechter und verschiedenste Fremdgeh-Varianten. Wie viele Geschichten ich gehört und erlebt habe, in denen Menschen untreu waren oder fremdgegangen sind – von Nacktfotos und Flirt-Nachrichten verschicken über Knutschen in Kneipen bis heimlich im Kopierraum, in der Hotelbadewanne oder auf der Couch zu Hause fremdvögeln, dass es nur so kracht.

Eins war aber nahezu immer gesetzt: Wenn das Fremdgehen rausgekommen ist, hat es die Beziehung meist nachhaltig oder sogar irreparabel geschädigt. Das wirft mehrere Fragen auf, vor allem aber: Warum gehen manche Menschen fremd – andere aber nicht?

Das bestimmt, ob jemand fremdgeht

Das Thema Monogamie, (Un-)Treue und Fremdgehen ist äußerst komplex und hat vielfältigste Ursachen. Mal ganz davon abgesehen, dass eine monogame Beziehungsform nicht für jede*n das Richtige und nicht der einzige Weg zum Glück ist.

Doch eine Eigenschaft spielt bei der Frage „Wird er*sie tatsächlich fremdgehen?“ eine entscheidende Rolle: Selbstkontrolle. Das haben nämlich US-Wissenschaftler*innen unlängst herausgefunden.

Die Forscher*innen der University of North Carolina haben dafür zwei verschiedene Untersuchungen durchgeführt. Im ersten Teil haben sie 177 Studierende in monogamen Beziehungen gefragt, wie sehr sie auf attraktive Menschen achten. Dann wurden die Proband*innen in zwei Zufallsgruppen eingeteilt; die eine Hälfte hat Aufgaben ausgeführt, die die Fähigkeit zur Selbstkontrolle beeinträchtigen, die andere Hälfte nicht. Anschließend sollten sie eine Dating-App ausprobieren und hatten die Wahl, sich für eine kostenlose Premium-Variante zu entscheiden.

Ergebnis: Diejenigen, die eher ein Auge auf attraktive Menschen in ihrem Umfeld warfen, nahmen auch eher das Premium-Angebot an – aber nur in der Gruppe, bei der die Selbstkontrolle beeinträchtigt war.

Im zweiten Teil führten die Wissenschaftler*innen eine zwei Jahre dauernde Langzeit-Studie mit über 100 frisch verheirateten Paaren durch. Und diejenigen, die angaben, auf die eine oder andere Weise untreu geworden zu sein, neigten allesamt dazu, auf attraktive Menschen zu achten – und über eine geringe Selbstkontrolle zu verfügen.

„Andere Personen attraktiv zu finden sollte die Wahrscheinlichkeit der Untreue nur bei Menschen erhöhen, denen die Fähigkeit zur Selbstkontrolle fehlt“, heißt es demnach in der Studie.

Selbstkontrolle – so wichtig

Anderen hinterher gucken oder einfach nur feststellen, dass es da draußen noch mehr spannende Leute gibt, ist gar nicht so selten und hat auch nicht viel mit der Beziehung an sich zu tun. „Das ist völlig normal. Warum sollten wir denn keine anderen Menschen attraktiv, sympathisch oder auch sexy finden?“, sagt auch die Beziehungs-Expertin Andrea Bräu.

Die alles entscheidende Frage dabei ist jedoch: Kann es passieren, dass der*die Partner*in fremdgeht – oder kann er*sie sich zusammenreißen? Und genau hier kommt die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ins Spiel.

Appetit kann man sich holen, aber gegessen wird zu Hause.

Vereinfacht und salopp formuliert: Wenn der*die Partner*in grundsätzlich gut darin ist, Versuchungen zu widerstehen und zum Beispiel nicht den ganzen Eisbecher auf einmal leer schaufelt; wenn er*sie unter der Woche wirklich wie geplant abends nur ein Glas Wein trinkt und nicht direkt die halbe Flasche oder ganz gesittet nur zwei Toffifee aus der Packung nimmt und sie wieder zurückstellt, dann sind das Zeichen für eine recht stabile Selbstkontrolle.

Umgekehrt jedoch neigt laut Forschung jemand, der*die oft einfach plötzlich mit beiden Händen im XXL-Nutellaglas wieder zu sich kommt und auch noch gerne flirtet, eher dazu, diversen Verlockungen Taten folgen zu lassen – und damit auch fremdzugehen.

Ego, Nähe und Vertrauen

Selbstredend gibt es noch etliche andere Faktoren, die den Hang zur Untreue beflügeln können. „Geringes Selbstwertgefühl, das von außen aufgeblasen werden soll“, nennt Andrea Bräu als Beispiel. Das treffe unter anderem häufig auf Menschen zu, die tiefe Nähe in einer Beziehung nicht gut aushalten können und das dann durch Außenbeziehungen oder Affären kompensieren.

Im Grunde ist jedoch nicht allzu viel dabei, auch Menschen außerhalb der Beziehung attraktiv zu finden – meistens jedenfalls. Es kommt drauf an, was das Paar so vereinbart hat und an Grenzen setzt. „Problematisch wird es dann, wenn es den anderen verletzt“, erklärt Andrea Bräu. „Hier empfehle ich zu gucken, was man sich in Sachen Respekt wünscht – oder aber auch bei sich selbst zu gucken, wo genau das Problem liegt.“

Also, warum genau zwickt und zwackt es so, was steckt dahinter – triezt mich mein*e Partner*in oder reagiere ich selbst zu sensibel, weil ich unsicher bin? „Es ist oft das eigene Ego, das berührt und destabilisiert wird, wenn der Partner jemandem hinterher guckt oder jemanden erwähnt“, sagt die Expertin. „Meist ist das eine Vertrauensfrage. Wenn ich den Partner zu kontrollieren beginne, haben wir ein schwerwiegendes Beziehungsproblem.“

Eine solide, gesunde, vertrauensvolle Beziehung zweier Menschen mit echt okayem Selbstwert, klarer Kommunikation und einem gewissen Maß an Selbstkontrolle kann es also gut aushalten, wenn mal jemand anders kurz hot gefunden wird.

Treue ist eine Entscheidung

Wie so oft im Leben ist Treue innerhalb einer monogamen Beziehung eine bewusste Entscheidung – für eine Person und gegen alle anderen. Die Ausrede „Ich habe halt keine Selbstkontrolle, ich kann nichts dafür“ reicht da schlicht nicht, schon gar nicht beim Fremdgehen. „Das Thema unserer Zeit ist: Verantwortung zu übernehmen“, sagt auch Andrea Bräu. Und zwar für die eigenen Handlungen und Entscheidungen. Auch und besonders in der Liebe.

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