Wie das Attentat von Halle auf Twitch landen konnte – und was dagegen unternommen wird

Der mutmaßliche Täter von Halle an der Saale hat seine Tat live auf Twitch übertragen. Wie schon bei dem Anschlag von Christchurch gerät die Streamingplattform damit erneut in Bedrängnis.

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35 Minuten lang streamte der mutmaßliche Täter von Halle an der Salle seine Tat via Twitch. Foto: Martin Bureau/AFP/Getty Images)

Rund 35 Minuten dauerte die Übertragung, die allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle an der Saale aus Sicht des Attentäters zeigt. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss im Paulusviertel in Halle mehrfach auf einen Mann geschossen wird. Anfangs redet der Mann aus dem Video auf Deutsch mit sich selbst, wechselt dann aber ins Englische. Er dreht die Kamera auf sein Gesicht und sagt: „Hi, my name is Anon, and I think the Holocaust never happened.“ Die Aufnahmen stammen offensichtlich von einer an einem Helm befestigten Kamera. Es zeigt nach Informationen des Spiegels Stephan B., 27 Jahre alt, aus Sachsen-Anhalt.

Der mutmaßliche Täter von Halle an der Saale, der am Mittwoch vor einer Synagoge mit einer selbstgebauten Waffe zwei Menschen tötete und zwei weitere verletzte, folgt damit einem Muster, wie es bereits zuvor beim Anschlag von Christchurch zu erkennen war. Auch damals übertrug der Attentäter seine Taten live über Twitch – mit dem Ziel der maximalen Aufmerksamkeit durch maximale Verstörung. Die Bilder aus Halle wurden von Forscher*innen des renommierten International Centre for the Study of Radicalization (ICSR) des Londoner King’s College entdeckt. ICSR-Gründer Professor Peter Neumann sagte ZEIT ONLINE, das Vorgehen des Attentäters in Halle ähnle dem des Attentäters von Christchurch: „Obwohl ein anderes Ziel – Juden, nicht Muslime –, deuten die Aussagen des Täters auf jemanden hin, der intensiv in rechtsextremen Message-Foren im Internet unterwegs war und sich dort, genauso wie der Christchurch-Attentäter, eine Ideologie zusammengebastelt hat.“

Wie bei dem Anschlag von Christchurch in Neuseeland, bei dem der Rechtsterrorist Brenton Tarrant mit Schusswaffen insgesamt 51 Menschen tötete, verbreiteten sich Kopien und Teile der Aufnahmen aus Deutschland schnell im Internet – sowohl durch Anhänger*innen der antisemitischen Ideologie des Attentäters als auch durch Menschen, die die Tat verurteilen.

Das Video des Anschlags in Halle soll für rund eine halbe Stunde online gewesen sein. Insgesamt sahen es laut Twitch 2.200 Menschen. Twitch ist eine Plattform, auf der User*innen Personen dabei zusehen können, wie sie live vor der Kamera zumeist Videospiele spielen. Das seit 2014 zu Amazon gehörende Unternehmen teilte in der Nacht zu Donnerstag via Twitter mit, dass das „entsetzliche Video“ auch live vom Konto-Eigentümer auf der Plattform gestreamt und in dieser Zeit von fünf Menschen gesehen worden sei. Wie das Unternehmen erklärte, sei das Video in keinen Empfehlungslisten oder dergleichen aufgetaucht, sondern habe die hohe Ansichtszahl primär durch externe Verlinkungen erreicht.

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Neben Twitch verbreitete sich das Video auch auf anderen Plattformen, wo es teils erst Stunden nach dem Anschlag auf die Synagoge gelöscht wurde. Facebook sagte, es habe noch keine Details darüber, wie oft das Video auf seinen Plattformen gepostet wurde oder wie viele Nutzer*innen es gesehen haben. Twitter verwies auf eine Erklärung, die vom Global Internet Forum to Counter Terrorism veröffentlicht wurde. „Wir stehen in engem Kontakt miteinander und bleiben entschlossen, die Online-Verbreitung von gewalttätigen und extremistischen Inhalten zu stören“, erklärte die Gruppe darin.

Die Anti-Terror-Initiative wurde nach dem Anschlag von Christchurch von Facebook, Microsoft, Twitter und YouTube gegründet, um gezielter gegen terroristische Inhalte im Netz vorzugehen und dafür zu sorgen, dass Propaganda schneller gefunden und gelöscht wird. Um die Videos automatisch zu entfernen, wird die sogenannte Hashing-Technologie angewendet – ein Algorithmus, der entsprechende Inhalte identifiziert und die Daten dabei vollständig zerstört.

In der Politik wird schon länger darüber debattiert, wie terroristische Inhalte im Netz schneller erkannt und entfernt werden können. Im September letzten Jahres legte die EU-Kommission eine Richtlinie vor, die Sharingplattformen dazu verpflichtet, terroristische Inhalte aus ihren Angeboten innerhalb einer Stunde zu löschen. Der vorgelegte Gesetzentwurf sieht außerdem Uploadfilter vor, die proaktiv Inhalte erkennen und aussieben sollen. Wie das allerdings genau funktionieren soll, bleibt weiter unklar. Das Video von der Tat in Halle war am Donnerstagvormittag in sozialen Medien durch eine einfache Suche weiterhin aufzufinden.