Wie eine Mutter den Tod ihres Kindes in einem Comic verarbeitet

Tina Brenneisen war schwanger, ihr Kind ist kurz vor der Geburt gestorben. Darüber, vor allem aber über die Zeit danach, hat sie einen Comic gezeichnet. Ein Gespräch über Schmerz, Sprachlosigkeit und den Umgang mit Wut.

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"Es wäre schön, wenn die Comicgeschichte hilft, dass der eine oder andere in Zukunft mutiger über dieses Tabu hinweggeht und einem Menschen, der sein Baby verloren hat, einfach nur mal die Hand drückt und ihm zuhört", sagt Tina Brenneisen über ihren Comic. © Tina Brenneisen/Edition Moderne

Tina Brenneisen hat darum gebeten, dieses Interview per E-Mail zu führen. Ich fand das zunächst unangemessen, jede*r Journalist*in sitzt seinem Gegenüber lieber persönlich gegenüber. Nachdem ich ihren Comic Das Licht, das Schatten leert gelesen hatte, war ich jedoch froh um die Distanz: So hatten sie und ich die Möglichkeit, die Schmerzen, die sie durchlitt und die ich beim Lesen nachvollziehen konnte unbeobachteter anzugehen; freier miteinander zu sprechen.

ze.tt: Tina, ich habe versucht, deinen Comic unterwegs im Zug zu lesen. Nach den ersten drei Seiten musste ich ihn weglegen, weil ich angefangen habe zu weinen. Über Tage wusste ich danach nicht, was ich dich wie fragen kann, ab wann ich eine Grenze überschreite. Wie gehst du mit dieser Sprachlosigkeit und Unsicherheit der anderen um?

Tina Brenneisen: Das ist unglaublich schwer. Die meisten versuchen dir und dem Thema aus dem Weg zu gehen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen, dich zu verletzen oder sich selbst einem unangenehmen Gefühl auszusetzen. Dabei ist Schweigen für die Betroffenen schlimmer als jedes falsche Wort. Ihr Schmerz wird vom Schweigen nicht kleiner, den kann ihnen sowieso keiner abnehmen, aber dann kommt zu dem Schmerz eben noch die Isolation dazu. Es kostet sie jedes Mal Kraft und Überwindung, die Ängste der anderen aus dem Weg zu räumen. Ich habe versucht, meine eigene Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit zu zeigen, um es leichter zu machen, mich aber auch oft zurückgezogen aus Angst vor der Ablehnung und Überforderung der anderen. Keine einfache Situation. Ich war über jeden Menschen froh und dankbar, der den Mut gefunden hat, es anzusprechen.

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© Tina Brenneisen/Edition Moderne

Es tut weh zu lesen, dass deine Familie genauso wenig wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte, dass sie dir keinen Halt geben konnte, als er am dringendsten nötig war.

Der Erzählstrang mit der Familie steht exemplarisch für all die Beziehungen, die nach so einem traumatischen Verlust zu Bruch gehen. Das war mir vorher auch nicht bewusst, wie weitreichend die Folgen sind, was man noch alles im Zuge dessen verliert. Jeder hat natürlich in seinem Leben auch Beziehungen, die auf weniger stabilen Füßen stehen. Die brechen dann leider weg. Oft sind es die Partnerschaften selbst, weil der Druck und die Belastung so groß sind. In meinem Fall war es die Beziehung zur Herkunftsfamilie, in der es schon eine gewisse Entfremdung und Unverständnis gegeben hat, wie ich in Rückblenden versucht habe darzustellen. Das ist natürlich fatal, weil den Betroffenen genau in dem Moment, in denen sie die meiste Unterstützung bräuchten, wichtige Beziehungen wegbrechen. Das einzig Schöne: Die stabilen Beziehungen werden noch enger und intensiver und ich habe einige neue, sehr mutige Menschen geschenkt bekommen.

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Tina Brenneisen wurde 1977 in Dresden geboren und studierte Philosophie und Psychologie in Dresden und Berlin. Bis heute arbeitet sie als Comiczeichnerin und Karikaturistin in der Hauptstadt. Foto: © Tina Brenneisen

Du zeigst, dass der Schmerz, ein Kind zu verlieren, auch für deinen Partner oft unaushaltbar war. Wird die Seite der Väter oft vergessen? Wird von ihnen noch zu oft erwartet, der Starke in einer Situation zu sein, in der man es gar nicht sein kann?

Ja, abgesehen von den körperlichen Erfahrungen empfinden die Väter genauso viel Trauer und Hilflosigkeit. Es gibt sicher die Erwartung an Männer, stark zu sein und keine Gefühle zu zeigen, was es ihnen schwerer macht, ihre Trauer zu verarbeiten, denn eine Trauerreaktion bedeutet, viele verschiedene intensive Gefühle zu haben und sie zuzulassen. Mein Freund arbeitet glücklicherweise im sozialen Bereich, in einer Klinik. Dort sind menschlichen Dramen und auch der Tod alltäglich. Seine Kollegen sind viel offener und verständnisvoller mit unserem Schicksal umgegangen als unser privates Umfeld. Er wird auch heute noch manchmal gefragt, wie es uns geht und das tut uns beiden gut.

Du hast dich entschlossen, deine Erfahrungen in einem Comic zu verarbeiten. Wann reifte diese Entscheidung in dir? Und hattest du keine Angst davor, so viel Intimes von dir öffentlich zu machen? Davor, wie dein privates Umfeld darauf reagiert?

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© Tina Brenneisen/Edition Moderne

Am Anfang habe ich mir selbst etwas gewünscht, das mir Trost spenden und mir das Geschehene erklären würde. Es gibt nicht viel Hilfreiches zu diesem Thema und ich brauchte ganz konkret Bilder und Rituale, die uns helfen würden. Nach zwei Monaten etwa wollte ich wieder arbeiten, mich an einer Routine festhalten, konnte aber lange Zeit nichts anderes denken, geschweige denn einfach mit der nächsten Geschichte fortfahren, also habe ich das gezeichnet, was ich erlebt, gefühlt und gedacht habe.

Persönlichen Geschichten stehe ich zwiegespalten gegenüber: Einerseits ist es unangenehm, etwas derart Intimes zu erzählen und macht verletzlich. Anderseits, wenn niemand darüber spricht, dreht sich die Spirale der Einsamkeit für die Betroffenen immer weiter. Offenheit ist also auch Teil des Umgangs damit. Es hat mir sehr geholfen, dass meine Freunde mich unterstützt und mir Mut gemacht haben. Auch, dass die Geschichte über Comicfiguren transportiert wird. Eine realistische Darstellung wäre, glaub ich, kaum auszuhalten.

Du beschreibst, wie du dich von deinem Körper verraten gefühlt, ihn wie einen Fremdkörper, einen Feind wahrgenommen hast. Konntest du dich wieder mit ihm versöhnen?

Das hat lange gedauert. Nicht nur war es sehr verwirrend, ein Körper zu sein, in dem so etwas Schreckliches passiert ist, auch diesen absoluten Kontrollverlust miterlebt zu haben, hat es für mich schwergemacht. Sicher spielt unbewusst auch das Gesellschaftsbild eine Rolle, dass eine Frau nur etwas wert ist, wenn sie Kinder gebärt. Mittlerweile empfinde ich meinen Körper wieder als ein schönes, zuverlässiges und auch starkes Zuhause, aber das Urvertrauen, dieses ‚Es wird schon alles auf magische Weise gut werden‘, das ist weg.

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© Tina Brenneisen/Edition Moderne

Du zeichnest dich in deinem Comic selbst gar nicht so vorteilhaft, oft mit einem Gesicht, das zu einer Fratze verzerrt ist. Wie bist du mit der Wut umgegangen?

Ja, diese Gefühle sind nicht hübsch anzusehen, aber normal. Sie sind Teil der Trauerreaktion und sehr intensiv. Alle Betroffenen fühlen wegen der Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit eines solchen Ereignisses Wut. Es ist wichtig, sie zuzulassen, um sie irgendwann verarbeiten und weiterleben zu können. Wut ist aber auch schambesetzt, ein Gefühl, vor dem sich Menschen fürchten, das sie besser verstecken. Nun hab ich das Glück, Comiczeichnerin zu sein, und konnte einen Großteil meiner Wut in Bildern und Fantasien ableiten, ohne dass dabei jemand zu Schaden kam oder ich dafür hätte sehr beschämt sein müssen. Es ist eine Comicfigur, die wie Napoleon am Ufer entlangstiebt und einen ganzen See mit Steinen füllt.

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Tina Brenneisen/Edition Moderne

Ich kann mir vorstellen, dass viele Leser*innen Angst vor der Thematik des Buches haben. Beschäftigen wir uns in unserem Alltag zu wenig mit dem Tod? Und kapseln uns dadurch von den Menschen ab, die dem Tod begegnet sind, und strafen sie damit doppelt?

Ja, die Beklemmungen bei dem Thema sind groß und das kann ich gut verstehen. Ich habe sie auch. Ich versuche den Menschen bewusst zu machen, dass diese Beklemmungen nicht von mir oder meiner Geschichte ausgehen, sondern von der gesellschaftlichen Norm, dem Tabu, das dieses Thema umgibt: Man soll nicht über den Tod sprechen und schon gar nicht über den Tod von Babys! Darunter leiden die Betroffenen sehr. Für sie fühlt es sich an, als würden sie und ihre Babys nicht existieren.

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass wir uns in unserem Alltag mehr mit dem Tod beschäftigen müssen, der wird zum Glück meistens vom Leben bestimmt. Aber es wäre schön, wenn die Comicgeschichte hilft, dass der eine oder andere in Zukunft mutiger über dieses Tabu hinweggeht und einem Menschen, der sein Baby verloren hat, einfach nur mal die Hand drückt und ihm zuhört. Das macht schon viel aus!

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© Tina Brenneisen/Edition Moderne

Der Druck auf Frauen, Kinder zu kriegen, ist in unserer Gesellschaft noch immer enorm. Für viele scheint das Frausein erst dann vollendet, wenn man auch Mutter ist. Was möchtest du diesen Menschen sagen?

Dieser Druck ist eine Zumutung. Dahinter steckt ein sehr einseitiges, funktionelles, biologistisches Menschenbild, demnach allen partnerlosen Frauen, den freiwillig und unfreiwillig kinderlos Gebliebenen – es gibt die unterschiedlichsten Gründe dafür – ein Makel oder Stigma anhängt. Statt Druck auf sie auszuüben, sollte die Gesellschaft sich lieber einen Kopf machen, wie sie Frauen während der Rushhour ihres Lebens, diesen kurzen 2o Jahren, den einzigen, in denen sie Familien gründen können, und oder gleichzeitig auch einem Beruf nachgehen möchten, besser entlastet. Mehr Freiräume statt Druck. Ich wünschte, mehr Frauen würden zu diesem Druck sagen: Go fuck yourself! Ich entscheide selbst, wer ich als Frau sein möchte und was ich wert bin.


Der 240-seitige Comicband Das Licht, das Schatten leert ist im September 2019 im Verlag Edition Moderne erschienen.

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