So verschieben feministische Buchblogs die Machtverhältnisse im Literaturbetrieb

Im klassischen Feuilleton besprechen Männer vor allem Bücher von Männern. Immer mehr Buchblogger*innen setzen ihren Fokus hingegen auf Schriftstellerinnen – und nehmen damit zunehmend Einfluss auf die Buchbranche. Ein Kommentar

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Hat dem männlichen Feuilleton den Kampf angesagt: eine Bookstagrammerin. Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Der Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse ist die Verleihung des deutschen Buchpreises. Seit 2017 werden auch die besten Buchblogger*innen ausgezeichnet. Dabei ist ein klarer Trend zu beobachten: Gerade auf Bookstagram, wie die Bücher-Community auf Instagram heißt, wird immer mehr feministische Literatur gelesen und besprochen. Das ist spannend und interessant; aber vor allem auch bitter nötig.

Die deutsche Literaturkritik ist, gerade in Printmedien, stark männlich geprägt. So leiten beispielsweise bei der ZEIT, der Welt und F.A.Z. nur Männer die Feuilletonressorts, bei der Süddeutschen Zeitung immerhin gemeinsam eine Frau und ein Mann. Besprochen wird, was gelesen wird. Gelesen wird, was interessiert. Und meist interessieren Menschen die Geschichten, mit denen sie sich identifizieren können, von Menschen, denen sie ähnlich sind. Wenn vor allem Männer Kritiken schreiben, dann also vornehmlich über Bücher von Männern.

Eine Studie der Uni Rostock und dem Projekt #frauenzählen von 2018 ergab, dass gerade einmal eins von drei Büchern, die rezensiert werden, von einer Frau stammt. Die Untersuchung zeigte außerdem, dass auschlaggebend ist, wer rezensiert: Wenn Männer Bücher besprechen, sind es meist Bücher von Männern, Frauen hingegen besprechen Autor*innen beider Geschlechter fast ausgewogen.

Natürlich kann man sagen: „Das ist mir alles egal, ich lese schließlich nur das, was mich anspricht, unabhängig vom Geschlecht der Autor*innen. Literaturkritiken sind für diese Entscheidung vollkommen unerheblich.“ Das Problem dahinter ist allerdings komplexer. Die Uni Rostock bringt die Bedeutung der Kritik in einer Pressemitteilung zur Studie auf den Punkt: „Sie hebt heraus, wessen Blick auf die Welt wesentlich sei.“

Eine männlich geprägte Kritik, die vor allem Bücher von Autoren bespricht, führt dazu, dass die Werke männlicher Schriftsteller weiter an Wert gewinnen. So steigt der Anreiz für Verlage, Bücher herauszugeben, die wahrscheinlicher besprochen werden, und sie füllen ihre Programme deshalb mit mehr Büchern von Männern. Genaue Zahlen werden leider nicht erhoben, aber ein Blick in die Programme der großen Verlagshäuser bestätigt diesen Eindruck: So erscheinen im Allgemeinen Programm des Diogenes-Verlags diesen Herbst 19 Bücher, gerade einmal vier davon wurden von Frauen verfasst.

Es ist was faul im deutschen Feuilleton

Nicole Seifert, Buchbloggerin

Männliche Perspektiven, Schreibstile und Themen bleiben die Norm. Alles außerhalb dieses normativen Rahmens fällt aus dem Mainstream heraus. So entsteht nicht nur ein Teufelskreis, es reproduziert sich über die Zeit auch ein männlich geprägter Literaturkanon. Alles andere werde als Frauenliteratur abgestempelt, verniedlicht oder schlicht nicht ernst genommen, wie die Buchbloggerin, Übersetzerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert in ihrem Artikel Es ist was faul im deutschen Feuilleton aufzeigt.

#frauenlesen als Gegengewicht

In letzter Zeit lässt sich allerdings eine Verschiebung der Machtverhältnisse beobachten. Es braucht inzwischen nicht mehr unbedingt ein Literaturstudium und jahrelange Erfahrung in Kulturressorts, um Bücher besprechen zu können. Stattdessen ergreifen immer mehr Leser*innen selbst die Initiative und gründen Buchblogs und Bookstagramprofile. Allein für den diesjährigen Buchblog-Award wurden mehr als 650 Blogs und Buchkanäle vorgeschlagen, mehr als 3.000 Leser*innen stimmten ab. 14 der 20 Finalblogs werden von Frauen geführt, drei davon – darunter auch der Blog von Nicole Seifert, Nacht und Tag – drehen sich ausdrücklich um Literatur von und über Frauen.

Doch nicht nur die Leser*innen der Blogs sind offenbar große Fans feministisch orientierter Buchbesprechungen. Auch die Rezensent*innen beteiligen sich rege: Hashtags wie #frauenlesen oder #readmorewomen haben vierstellige Beitragszahlen, die Feeds vieler User*innen zeigen mehr und mehr Werke von Autorinnen. Der Einfluss von Buchblogs wächst mit den zunehmenden Nutzer*innenzahlen der sozialen Netzwerke. Klassische Medien mit ihren Kultur- und Feuilletonteilen haben es zunehmend schwer, gegen die vermeintlich kostenlosen Alternativen online zu bestehen.

Nur Frauen zu zählen, reicht nicht

Doch eine zahlenmäßige Parität ist natürlich nicht genug. Es geht auch um die Qualität der Besprechungen. Wenn in einer  Rezension die irische Autorin Sally Rooney als „erschrockenes Reh mit sinnlichen Lippen“ bezeichnet wird, ist das nicht unbedingt eine Kritik, von der die Welt mehr braucht. Auch hier gehen viele Bookstagrammer*innen neue Wege. Statt sich an den Autor*innen aufzuhängen, konzentrieren sich die meisten schon aus Zeichenbegrenzungsgründen auf Inhalt, Aufbau und Schreibstil. Kaum jemand in der Buchblogszene versucht sich durch hochtrabende Vergleiche zur intellektuellen Meinungsmacht zu stilisieren; vielmehr steht die Freude an der Lektüre im Vordergrund. Wer auf Instagram eine Besprechung lesen möchte, interessiert sich dafür, worum es im Buch geht und wie es dem*der Rezensent*in gefällt. Für sexualisierende Beschreibungen der Autorinnen gibt es schlicht weder Publikum noch Platz.

Die Bücher von Frauen werden zwar seltener diskutiert. Das bedeutet allerdings nicht, dass Frauen schlechter schreiben. Langsam spiegelt sich das auch bei den Buchpreisen wider. Standen auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2007 und 2008 noch exakt null Frauen, waren es in diesem Jahrzehnt nicht mehr unter 40 Prozent. Das ist ein Anfang, denn diese Listen schaffen Sichtbarkeit. Viele Blogger*innen versuchen, wenigstens ein paar der Shortlistwerke vorzustellen – je größer der Anteil von Autorinnen, desto höher auch der Anteil an Postings über ihre Bücher.

Die Buchbranche denkt zu binär

Die Programme der Verlage und ihre Führungsetagen müssen weiblicher werden, genauso wie die Kritiken darüber auch. Dennoch darf das nicht über ein anderes Problem hinwegtäuschen: das cis-normative, binäre Autor*innendenken. Nicht-binäre Schriftsteller*innen sind in der Verlagsbranche mindestens unterrepräsentiert, wenn nicht gar vollkommen unsichtbar. Ihre Geschichten landen nicht in Programmvorschauen; man muss sie gezielt suchen und wird auch dann nur wenig fündig. Auch trans Autor*innen, die sich gerade mit viel Mühe zumindest ein wenig Aufmerksamkeit erarbeiten, schaffen es kaum aus der Spartenecke heraus: Sie schreiben übers Transsein; nur selten bekommen sie die Möglichkeit, andere Aspekte ihres Lebens oder fiktive Geschichten zu erzählen.

Nicht-binäre Schriftsteller*innen sind in der Verlagsbranche mindestens unterrepräsentiert, wenn nicht gar vollkommen unsichtbar.

Einige Blogger*innen versuchen bereits, den Zugang zu Literatur über das cis-normative Geschlechtsverständnis hinaus zu ermöglichen. Sie thematisieren, wenn feministische Bücher in binären Kategorien argumentieren. Sie gendern ihre Besprechungen. Sie machen auf transexklusive Sprache aufmerksam. Manche sind selbst nicht-binär oder trans, wie zum Beispiel der Buchhändler und Blogger Linus Giese. Sie schaffen so mehr Sichtbarkeit und machen Verlage auf sich und das Thema aufmerksam.

Buchblogs und -profile in sozialen Netzwerken geben Menschen quer durch alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, ihre Liebe zu Büchern zu teilen. Die einzige Ressource, die wirklich benötigt wird, ist Zeit. Wer sich die Zeit fürs Lesen sowieso schon nimmt und gerne schreibt, bekommt aber in der Regel auch einen Blog oder Bookstagram hin. Büchereien und Flohmärkte sind günstige Alternativen, um an Bücher zu kommen, und viele Verlage schicken ab gewissen Reichweiten kostenlose Rezensionsexemplare zu. Mit immer mehr begeisterten Leser*innen und Hobbykritiker*innen, die sich eine Stimme verschaffen, wächst auch der Druck auf den Literaturbetrieb, sich endlich diverser aufzustellen und Autor*innen zu besprechen, die unsere Gesellschaft angemessen repräsentieren.

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