„Wir alle wollen die Klitoris geschrubbelt bekommen“ – Charlotte Roche über Sex, Männer und Gefühle

Analsex, Intimrasur, Tod – Charlotte Roche ist in ihrer Arbeit als Autorin und Moderatorin kein Thema zu heikel. Jetzt spricht sie in einem Podcast über ihre Beziehung. Sind Gefühle das nächste Tabu?

Manchmal nicht cool und manchmal nicht witzig: Charlotte Roche. Foto: Filiz Serinyel Photography

Bekannt wurde Charlotte Roche als TV-Moderatorin, heute ist sie Bestsellerautorin. Ihre Romane Feuchtgebiete und Schoßgebete basieren auf ihrer Autobiografie. Es geht um Hämorrhoiden, Körperflüssigkeiten und Trauer – und das in einer expliziten Sprache. Explizit bleibt die 41-Jährige auch in ihrem neuen Projekt, einem Podcast. Gemeinsam mit ihrem Mann spricht Charlotte Roche in Paardiologie über ihre Beziehung, ihre Gefühle und ihre Sexualität.

ze.tt: Charlotte, ich möchte mir dir über Sex reden.

Charlotte Roche: Das finde ich gut. Leute reden viel zu wenig über Sex. Beruflich mache ich das ja oft, aber privat nicht so viel. Im Schutz der Öffentlichkeit ist das leichter. Mit Freundinnen oder meinem Mann ist es für mich schwieriger, eine Sprache zu finden.

Was meinst du, warum das so ist?

Das liegt an der Erziehung. Obwohl ich feministisch und selbstbewusst erzogen wurde, hat eine Aufklärung abseits von „Wo kommen die Kinder her“ nicht stattgefunden. Meine Mutter hat nie was über Selbstbefriedigung erzählt oder gesagt, dass es wichtig ist, dass man herausfindet, was man so mag im Bett oder wie man sich mitteilt.

Leute denken, wenn ich solche Bücher schreib, wäre ich schamlos und würde alles können und alles machen, aber das ist ein großes Missverständnis.

Charlotte Roche

Wie hast du es geschafft, das herauszufinden und darüber zu sprechen?

Erst sehr spät. Und ich bin auch heute noch keine große sexuelle Kommuniziererin. Wenn mich jemand fragt, nun sag mal, worauf stehst du? Ich würde antworten: Kann ich das nicht lieber zeigen? Leute denken, wenn ich solche Bücher schreib, wäre ich schamlos und würde alles können und alles machen, aber das ist ein großes Missverständnis. Das stimmt einfach nicht. Die Leute denken: Wenn jemand so laut ist über Sex und weibliche Körperbefreiung, dann liegt man im Bett und hat kein Problem, alles zu sagen, furzt beim Sex und ist total schamlos. Aber das ist überhaupt nicht so. Ich wurde so erzogen, dass es viele Sachen gibt, die peinlich sind.

Eine Art der Befreiung kann Sprache sein. In deiner Kolumne benutzt du das Wort Scham – obwohl es andere Worte, gerade im feministischen Kontext, gibt. Hast du das bewusst gemacht?

Die Kolumne habe ich geschrieben, bevor plötzlich alle darüber sprachen, dass man Vulva statt Scheide und Vulvalippen statt Schamlippen sagen soll. Ich finde gut, dass sich sowas ändert. Alle werden immer schlauer, alles ändert sich. Das ist super. So bleiben wir fit im Kopf. Wenn Leute sagen „Jetzt machen die uns unsere Sprache kaputt“ oder „Ich lass mir nicht mein Steak verbieten“, dann denke ich: Diese Leute sollen aussterben. Wenn Leute sagen, ich fühle mich in der Sprache nicht repräsentiert und wir können das ändern, verdammt nochmal, dann sollten wir das ändern. Es wird nie so sein, dass alles richtig ist und man aufhört zu lernen. Jede und jeder kann kommen und sagen: Das hier muss sich noch ändern, weil mich das ausschließt. Und dann müssen wir das hören und das ändern. Ich bin ein großer Fan vom Wörter finden. Das war bei mir schon immer so beim Schreiben. Ich bin mit vielen starken Begriffen für den erigierten Penis groß geworden. Wir Frauen hängen da total hinten dran. Fotze zum Beispiel, das ist so eine eklige Beleidigung, voll erniedrigend.

Auf die Idee, Penis oder Schwanz als Beleidigung zu nutzen, ist noch niemand gekommen.

Nee, genau. Es gibt ja Menschen, die als Liebkosung Fotze sagen. Das ist für mich so ein krasser Abtörner.

Welches Wort ist gut für dich?

Ich finde Scheide irgendwie gut, es ist ein bisschen altmodisch, aber ich mag es. Man kann sich Worte ja auch wieder aneignen, ich sage Scheide mittlerweile wieder gerne. Vulva kann ich ganz schwer sagen.

Wie hast du das bei deiner Tochter gemacht, welche Worte habt ihr genutzt?

Auf jeden Fall sage ich nicht Mausi oder Pipi! Manchmal bin ich in Cafés, da sagen Eltern „Denkst du bitte dran, dein Pipi abzuputzen“. Also, echt. Das ist doch kein Pipi! Wenn ich als Mutter zu meiner Tochter reden durfte – in einem Erziehungsbuch habe ich gelesen, dass man das nur auf Nachfrage machen sollte – habe ich Muschi gesagt. Das finde ich irgendwie nett. Nicht zu niedlich, nicht zu harmlos. Das einzige Problem mit Muschi ist, dass ich immer an die CSU denken muss, weil Edmund Stoiber doch seine Frau so nennt.

„Alice Schwarzer sitzt beim Sex zwischen mir und meinem Mann und flüstert mir ins Ohr: Ja, das denkst du nur, dass du jetzt einen vaginalen Orgasmus hast, das bildest du dir nur ein, um dich deinem Mann und seinem Machtschwanz zu unterwerfen.“ Das schreibt deine Protagonistin in Schoßgebete, das Buch ist zum großen Teil autobiografisch. Kennst du solche Gedanken?

Das ist eins zu eins ich. Mein altes Leiden ist meine alte feministische Erziehung, die einfach krass männerfeindlich war. Ich bin groß geworden mit einem Emma-Abo und einer Mutter, die sagt, alle Männer sind pädophil und wollen Frauen vergewaltigen. Ich bin mit einem Männerhorror großgezogen worden. Dann habe ich so eine gute Männerauswahl getroffen, dass ich nach und nach dachte: Meine Mutter hat vielleicht nicht Recht.

Vielleicht brauchte es diese Art von Feminismus, um zu einem neuen, freieren zu kommen?

Auf jeden Fall! Ich glaube, es funktioniert nur so. Wenn man was ändern will, schießt man immer erst mal übers Ziel hinaus und übertreibt. Dann kommen Leute und sagen: Muss es denn so doll sein? Und ich denke, ja, es muss doll sein, damit sich etwas ändert. Da spielten ja auch noch die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs mit rein, wie horrormäßig Frauen da in Beziehungen behandelt wurden, noch bis in die 1960er rein. Dagegen haben sie gekämpft und ich verstehe, dass sie Männer nur als Täter sahen. Aber ich dachte: Hä? Die Männer, die ich habe, sind total toll!

Und trotzdem hat dich diese Erziehung auch beim Sex begleitet?

Alice Schwarzer und oder meine Mutter waren wirklich in meinem Bett. Der Sex war immer gut, aber trotzdem waren die immer da. Schon als Jugendliche konnte ich in einen sexuellen Tunnel gehen. So als würde man Crack rauchen, dann spielt alles keine Rolle mehr. Wenn ich es schaffe, anzufangen, Sex zu haben, dann läuft der D-Zug und ist nicht mehr zu stoppen.

Sex war das Lebendige für mich, eine Betäubungsdroge, etwas Ablenkendes und etwas positiv Lebensbejahendes.

Charlotte Roche

Das klingt nach Sex als Droge?

Das würde ich so nicht sagen, das ist zu hoch gehängt. Früher, als es mir psychisch schlechter ging, hatte Sex eine größere Bedeutung für mich. Sex als Gegenteil von Tod, das Gegenteil von Sterben. Sex war das Lebendige für mich, eine Betäubungsdroge, etwas Ablenkendes und etwas positiv Lebensbejahendes. Man schüttet dabei ja auch Dopamin aus. Aber jetzt, wo es mir besser geht und ich entspannter bin, würde ich nicht mehr sagen, dass Sex meine Droge ist.

War Sex für dich Trauerarbeit?

Das auf jeden Fall. Und ich kann froh sein, weil Sex ja viel weniger schlechte Nebenwirkungen hat als andere Sachen. Kurz nach dem Sex denkt man ja: Hä, was ist denn eigentlich los? Welche seltsamen Probleme hattest du denn gerade? Dann ist alles gut. Vor allem ich mit mir.

Wann fühlst du dich gut?

Das hat bei mir viel mit Arbeit und Erfolg zu tun. Damit meine ich nicht unbedingt Geld und Verkaufszahlen, sondern eher Applaus. Ich fühle mich richtig sexy, wenn ich einen Job cool gemacht habe. Dann laufe ich so rum und fühl mich wie ’ne Sexbombe. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie krass wir von Hormonen bestimmt sind. So richtig toll finde ich mich kurz vor meinem Eisprung. Drunk on hormones bin ich dann. Lauf und hol dir Sperma, wir wollen befruchtet werden. Man fühlt sich geil und streckt die Fühler aus.

In dem Moment, wo ich die Pille abgesetzt hab, fühlte ich mich wie ein rumbumsender Typ. Ich hab so eine krasse Libido, als würde ich die ganze Zeit mit ’ner riesigen erigierten Klitoris rumlaufen.

Charlotte Roche

In einem Text hast du beschrieben, wie sehr sich dein Sexleben geändert hat, seitdem du die Pille nicht mehr nimmst.

Ich hab früher immer die Männer bewundert und dachte, was ist mit mir los? Ich war so ein Heimchen, das zehn Mal nach Sex gefragt wurde und neun Mal nein gesagt hat. Wenn es dann dazu kam, hatte ich schon meinen Spaß. Aber ich hatte einfach eine kleine Libido. In dem Moment, wo ich die Pille abgesetzt hab, fühlte ich mich wie ein rumbumsender Typ. Ich hab so eine krasse Libido, als würde ich die ganze Zeit mit ’ner riesigen erigierten Klitoris rumlaufen. Ich spüre das ganz stark, dass wir so wie Bonobo-Affen sind. Im Endeffekt wollen wir alle bumsen, wir alle wollen die Klitoris geschrubbelt bekommen, bis wir kommen. Sobald man kommt, denkt man über alle Probleme anders nach.

Was meinst du, wie unser Leben aussehen würde, wenn alle mehr und besseren Sex hätten?

Megamäßig gut. Die Hippies hatten doch echt Recht. Auf jeden Fall, was Haare und Sex angeht. Ich bin zwar kein Hippie, aber gegen gesellschaftliche Tabus kämpfen, das finde ich gut. Freien Sex haben zu können, ohne schlechtes Gewissen, das finde ich super. Dass man die Moral weg hält vom Körper. Wenn es consensual ist, natürlich.

Tabuthemen bilden den roten Faden durch deine Arbeit. Nach Sex, Körperhygiene und Tod – kommen als nächstes Tabu die Gefühle?

Im Moment sehe ich viele Leute, die cool sein wollen, und auf keinen Fall Gefühle zulassen. Dabei sind Gefühle politisch. Erst heute dachte ich darüber nach, als ich die Nachrichten aus dem Sudan gelesen habe. Informationen lösen Gefühle aus, man fängt an zu weinen, weil man sich vorstellt, was mit anderen Menschen passiert. Man kann ja nur politisch kämpfen, wenn man Gefühle hat. Wenn einem etwas leidtut, was irgendwo passiert. Im Moment habe ich das Gefühl, dass alle vermeiden, peinlich zu sein. Gefühle gelten als peinlich. Ich hasse mittlerweile Ironie. Wenn ich merke, dass Leute unbedingt cool sein wollen und jedes Gefühl hinter Ironie verstecken wollen, dann finde ich das unmenschlich. Was bringt uns das, irgendwas zu machen, wenn man nicht Gefühle auslöst?

Gefühle auslösen durch Gefühle mitteilen, das ist meine Arbeit.

Charlotte Roche

Es bringt uns nicht näher zusammen.

Genau. Ja, na klar, viele Leute schreckt das ab, meine Bücher und meine Themen. Aber in Wirklichkeit suche ich eine Verbindung. Ich erzähle meine Geschichten: Ich hab die Eier, von meinem Eisprung zu sprechen, von meiner Sexualität, meinem Fremdgehen, was auch immer. In der Hoffnung, dass Leute kommen und sagen: Bei mir ist das auch so. Du bist ein normaler Mensch. Wir sind Menschen, wir haben das. Völlig weg von einer Moral und einer Bewertung. Gefühle auslösen durch Gefühle mitteilen, das ist meine Arbeit. Das ist manchmal nicht cool und auch nicht witzig.

Wie cool und witzig ist Älterwerden?

Ich wusste immer, dass ich in Würde altern will. Damit muss man mit 30 anfangen. Ich bin große Anhängerin davon, sich nicht operieren zu lassen. Daran verdient bloß eine Schweine-Männerindustrie. Ich glaub auch nicht daran, dass Frauen das für sich selbst machen. Ich denke immer, steck dein Geld und deine Energie lieber da rein, so klarzukommen, wie du bist. Das macht am Ende stärker und glücklicher.

Ist würdelos Altern nicht auch eine Option? Also einfach alt werden, ohne irgendeinen Druck.

Wichtig bei der Definition von würdevoll finde ich, dass das jede für sich selbst bestimmt, was das bedeutet. Das darf niemand anders beurteilen. Bei Kleidung zum Beispiel. Ich ziehe eine Minirock an, wenn ich 80 bin. Sollte dazu jemals jemand was sagen, sage ich: Fickt euch! Morgens sehe ich manchmal die Falten an meinem Dekolleté vom Schlafen. Ich stehe dann nicht auf und denke: „Oh Gott, ich habe Falten!“ Ich sehe das und denke: Aha, so sieht das also aus. Ich werde älter und ich nehme Falten wahr. Check. Das körperliche Altern, Falten, graue Haare, das alles versuche ich anzunehmen. Leute hassen das Altern, weil sie an den Tod denken. Aber wenn man akzeptiert, dass man graue Haare hat, kann man auch akzeptieren, dass man stirbt.

Im Anschluss an das Gespräch machen wir Fotos. Der Stylist fragt Charlotte Roche: „Soll ich dir schnell deine Haare machen?“ „Nee, lass mal“, antwortet sie, legt die Haare mit einem Schwung hinter die Ohren, sodass man die grauen Haare an den Schläfen sieht, und grinst in die Kamera.

Noch keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar ist nur für andere Abonnenten sichtbar. Du erscheinst mit deinem bei Steady hinterlegten Namen und Profilbild. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.