Nach #MeToo: Wir brauchen mehr männliche Solidarität am Arbeitsplatz

Zwei Jahre nach #MeToo sind Männer angeblich unsicher, wie sie mit Frauen im Job umgehen sollen. Doch das ist nachweislich eine Ausrede. Was fehlt, ist männliche Solidarität am Arbeitsplatz.

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Wir brauchen mehr männliche Solidarität am Arbeitsplatz! Foto: Helena Lopes / Unsplash | CC0

Seit die wichtige Bewegung #MeToo ab Herbst 2017 weltweit auf die alltägliche Diskriminierung, Benachteiligung und Belästigung von Frauen aufmerksam gemacht hat, hat sich einiges getan.

Nicht alles davon ist allerdings ein Fortschritt: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Männer inzwischen offenbar widerstrebender mit Frauen im Job interagieren, dass Frauen noch immer nicht genug Gehör finden und zum Teil sogar stärker diskriminiert werden. Werfen wir mal einen Blick auf die Lage.

Was ist da eigentlich los?

Forscher*innen an der University of Houston haben sich die Entwicklungen seit beziehungsweise durch #MeToo laut Harvard Business Review genau angeschaut. Und die Daten aus unterschiedlichen Branchen und Jobs von Anfang 2019 zeichnen ein bizarres Bild.

Demnach vermeiden es 27 Prozent der Männer mittlerweile, mit einer Frau allein in einem Raum zu sein; ein Fünftel gibt an, weniger Frauen einzustellen – besonders, wenn in der Position beispielsweise gemeinsame Geschäftsreisen erforderlich sind. Und 19 Prozent Männer sagen, dass sie attraktiven Frauen ungern Jobs geben.

Zu ähnlichen Ergebnissen ist auch Sheryl Sandbergs LeanIn-Organisation Anfang 2019 gekommen. 60 Prozent der befragten männlichen Vorgesetzten haben gesagt, dass sie mittlerweile deutlich weniger mit Frauen interagieren – aufgrund von Bedenken, wie es wirken, ausgelegt und rüberkommen könnte.

Das klingt nach: lieber Frauen vermeiden, anstatt das eigene Verhalten im Griff zu behalten.

Und Wissenschaftlerinnen der University of Colorado haben nach #MeToo eine Zunahme der Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz festgestellt. In der Studie heißt es: „Die krassesten Formen sexueller Belästigung – unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit und sexuelle Nötigung – sind zurückgegangen, die geschlechtsspezifische Diskriminierung hat dafür jedoch zugenommen.“

Oder wie Studienautorin Stefanie Johnson laut Harvard Business Review näher erklärt: „Männer, die sonst zu sexueller Belästigung neigen, werfen Frauen inzwischen eher Inkompetenz vor.“ Auch schön. Nicht.

Müssen Männer verunsichert sein?

Nicht mal mehr allein mit einer Frau im Fahrstuhl sein kann man! Ja nicht zu lange die Hand schütteln, sonst hat man zackig eine Belästigungsklage am Hals! Hm, ist es denn tatsächlich so, dass ein Mann, der mit einer Frau im Job allein in einem Raum oder auf Geschäftsreise ist, sich zutiefst verunsichert fühlen muss?

Kurze Antwort: nein, zur Hölle, wirklich, wirklich nein.

Davon mal abgesehen, dass die meisten Frauen sich ihr Leben lang ähnliche, aber ganz real potenziell überlebensentscheidende Gedanken machen und so internalisiert haben, dass sie oft automatisch ablaufen – wie beispielsweise „Steige ich jetzt zu dem in den Fahrstuhl oder starre ich lieber auf mein Handy?“– wissen die meisten Männer in Wahrheit auch sehr genau, wann sie sich falsch, übergriffig und belästigend verhalten.

Die Forscher*innen der University of Houston haben ihren Befragten nämlich auch 19 verschiedene Verhaltensweisen – darunter Dinge wie Sex-Witze an weibliche Untergebene zu mailen – vorgelegt und sie gebeten, diese als Belästigung oder Nicht-Belästigung einzustufen.

Dabei hat sich gezeigt, dass die Sache geschlechterübergreifend kristallklar ist.

„Die meisten Männer wissen, was sexuelle Belästigung ist. Die Vorstellung, dass Männer ihr Verhalten nicht einschätzen können oder Frauen es aufbauschen, ist weitgehend falsch. Wenn, dann definieren eher Frauen Belästigung nachsichtig“, sagt Studienautorin Leanne Atwater laut Harvard Business Review.

Das „Nie darf man was, man weiß doch gar nicht mehr, was okay ist“ ist also eine Ausrede. Doch was steckt dann hinter dem offenbar wachsenden Widerstreben, sich am Arbeitsplatz mit Frauen zu befassen?

Ignoranz und Bequemlichkeit

Einerseits liegt der Sache mutmaßlich eine Portion Ignoranz zugrunde. Noch immer sind die Chefetagen überwiegend mit Männern besetzt – läuft also bei ihnen. Laut einer Erhebung des britischen Coachinganbieters Roar Training mit Daten von mehr als 600 Männern und Frauen in verschiedenen Berufsfeldern hat sich die geschlechtsspezifische Vielfalt auf Managementebene in den vergangenen zehn Jahren lediglich um ein Prozent verbessert. Und nur ein Drittel der Männer will schon mal erlebt haben, wie Frauen im Job unfair behandelt wurden.

Wenn man von einem System, bewusst oder unbewusst, profitiert: Warum es dann infrage stellen? Wird schon alles nicht so wild sein. Und überhaupt, was soll die ganze Anstellerei? Läuft doch.

Zum Anderen spielt offenbar auch Bequemlichkeit eine Rolle. 29 Prozent der Männer würden laut der Umfrage in Sachen Gleichberechtigung am Arbeitsplatz nicht aktiv werden. Und über die Hälfte der befragten Frauen hat im Job schon mal Diskriminierung erlebt, ohne dass ihnen ein männlicher Kollege beigesprungen wäre.

Und genau das ist der Punkt. Wenn wir Geschlechtergerechtigkeit anstreben, brauchen wir einen Kulturwandel – und der gelingt unter anderem durch mehr bewusste männliche Solidarität am Arbeitsplatz.

So kann Solidarität am Arbeitsplatz funktionieren

Fast alle Frauen, nämlich 92 Prozent, wünschen sich laut der Befragung von Roar Training eine offene Gesprächskultur zu Geschlechtergerechtigkeit. Und auch ebenso viele Männer (91 Prozent) sagen, dass das grundsätzlich ein wichtiges Thema sei. Na, das ist doch schon mal ein Spitzenanfang!

Die eigenen Verhaltensweisen zu überprüfen, hilft sehr. Was das konkret heißen soll? Zum Beispiel keine anzüglichen Witze an weibliche Untergebene zu mailen. Merkwürdig lange umarmen, Hand aufs Knie, nach der Beziehung ausfragen und so weiter – einfach lassen. Das ist alles eindeutig, siehe oben.

Außerdem nützt es, den betroffenen Frauen einfach mal zu glauben, wenn sie von ungerechter Behandlung oder sogar Belästigung am Arbeitsplatz sprechen und ihre Erlebnisse und Erfahrungen nicht herunterzuspielen.

Ein nächster Schritt kann sein, insgesamt ein Bewusstsein für (un)gerechte Behandlung von Frauen im Job zu entwickeln – auch bei sich selbst. Das gehört laut Roar Training zu den entscheidendsten Punkten auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit.

Und schließlich auch sehr wichtig: Selbst nachfragen, was genau den Frauen am Arbeitsplatz helfen würde und was sie sich eigentlich an Unterstützung wünschen. Das kann nämlich von Frau zu Frau unterschiedlich ausfallen.

Oder wie der Bericht zusammenfasst: „Die effektivsten männlichen Verbündeten sind diejenigen, die offen über ihre Vorurteile sprechen, ihren Kolleginnen aktiv zuhören und sie fragen, wie am besten mit diesen Problemen umgegangen werden soll.“

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